Feliks Haberko-Denkmal an der AMS
Verbrechen Liebe
Gedenken an NS-Opfer an der Angrüner-Mittelschule
Jetzt wurde zum zweiten Mal das „Feliks Haberko-Denkmal“ an der Angrüner-Mittelschule enthüllt. Drei Jahre nach seiner Errichtung musste es seinem ursprünglichen Standort aufgrund des Neu- und Umbaus der Schule weichen, jetzt erstrahlt es wieder in voller Schönheit.
Rektor Heiner Bruckmüller und Konrektorin Ursula Lehle-Schönauer luden zu einer feierlichen Gedenkstunde in die Schule ein. Unter den Gästen befanden sich zahlreiche Beteiligte der „ersten Stunde“ des Denkmals und heutige Schülerinnen und Schüler. Landrat Christian Nerb, Erster Bürgermeister Dr. Benedikt und Schulrätin Brigitte Schönhofer-Bohrer richteten mahnende, hoffnungsvolle, humanistische und solidarische Grußworte an die Anwesenden. Thomas Muggen-thaler, Journalist und Autor zahlreicher zeitgeschichtlicher Hörfunksendungen, sprach über das Thema des Denkmals, das Schicksal polnischer Zwangsarbeiter während der NS-Zeit.
Einigkeit herrschte darüber, dass eine Schule der richtige Ort ist, um Erinnerung und Gedenken lebendig zu halten und aus den Fehlern der Geschichte zu lernen. Denn im Nationalsozialismus war selbst Liebe ein Verbrechen. Beziehungen zwischen Zwangsarbeitern und deutschen Frauen endeten oft tödlich. Zwangsarbeiter, häufig aus Osteuropa, wurden ohne Gerichtsurteil von Kommandos des nächstgelegenen Konzentrationslagers ermordet – vielfach durch Erhängen. Im Totenschein stand dann lapidar: „Genickbruch“. Zur Abschreckung wurden andere Zwangsarbeiter sowie Bürgerinnen und Bürger an den Leichen vorbeigeführt. Die betroffenen Frauen wurden in Konzentrationslager deportiert; nicht alle überlebten.
Doch was hat das mit der Angrüner-Mittelschule in Bad Abbach zu tun?
Den Anstoß gab im Jahr 2016 eine Vorführung des Films „Verbrechen Liebe“, basierend auf dem gleichnamigen Buch von Thomas Muggenthaler. Bei Recherchen im Staatsarchiv Amberg stieß der Autor auf Akten, die die Hinrichtung von mehr als zwanzig polnischen Zwangsarbeitern in Niederbayern und der Oberpfalz zwischen 1941 und 1943 dokumentierten.
Diese jungen Männer wurden in der Nähe ihrer Arbeitsorte, an denen sie als sogenannte „Ostarbeiter“ eingesetzt waren, erhängt, weil ihnen „verbotener Umgang“ mit deutschen Frauen vorgeworfen wurde. Dabei entdeckte Thomas Muggen-
thaler auch die lange verdrängte Geschichte von Feliks Haberko, der am 16. Oktober 1942 um 10.05 Uhr in Bad Abbach hingerichtet wurde. Veröffentlicht wurde diese Geschichte unter dem Titel „Der Mann fiel in das Nichts“ in seinem Buch „Verbrechen Liebe“.
Der Film inspirierte Schülerinnen und Schüler dazu, sich über den Geschichtsunterricht hinaus intensiv mit diesem sensiblen Thema auseinanderzusetzen. Das stieß nicht überall auf Zustimmung. Viele Bad Abbacherinnen und Bad Abbacher wollten verdrängen statt aufarbeiten und gedenken. Doch Erinnerung zu bewahren ist wichtig und menschlich.
„Geschichte braucht Gesichter und Namen. Sie machen Geschichte erlebbar und unvergesslich“, sagte Heiner Bruckmüller damals – und diese Worte gelten bis heute.
Der Marktrat beschloss seinerzeit lediglich, eine allgemeine Gedenktafel für die Opfer der NS-Diktatur am Marktplatz aufzustellen. Nur zwei Markträte, Willi Knapp und Siegfried Schneider, sowie die Angrüner Stiftung unterstützten die engagierten Jugendlichen bei ihrem Projekt. Die Schülerinnen und Schüler hatten sich längst auf die Spuren von Feliks Haberko, dem polnischen Schuhmacher, begeben – nach Flossenbürg in das Konzentrationslager und den dortigen Steinbruch, in dem er unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten musste, bevor er als Zwangsarbeiter nach Bad Abbach in die Kochstraße kam und in den kleinen Steinbruch hier bei der Dantschermühle, wo Feliks ermordet wurde.
So entstand der Wunsch, Feliks Haberko ein würdiges Denkmal zu setzen. Aus einem Granitstein aus dem Flossenbürger Steinbruch sollte es entstehen. Finanziell unterstützt von der Angrüner Stiftung sowie angeleitet vom Künstler Hans Prüll und dem ehemaligen Lehrer Josef Sedlmeier, schufen die Schülerinnen und Schüler eine Stele, gekrönt von einem Nagelfries. Die 100 von den Jugendlichen handgeschmiedeten Schusternägel symbolisieren den Beruf des jungen Mannes.
Am 17. Oktober 2017, exakt um 10.05 Uhr – genau 75 Jahre nach seiner Hinrichtung durch die Nationalsozialisten – wurde das Denkmal für Feliks Haberko unter dem Titel „Erinnerung bewahren“ erstmals im damaligen Pausenhof enthüllt. Seitdem hält die Angrüner-Mittelschule das Gedenken an Feliks Haberko lebendig.
Bis heute konnte nicht abschließend geklärt werden, warum Feliks Haberko tatsächlich sterben musste. Es gab Gerüchte, aber keine Beweise für irgendein „Vergehen“. Bei der heutigen Veranstaltung brachte Gertrud Hackelsperger, die damals neun oder zehn Jahre alt war, Licht ins Dunkel: Feliks Haberko hatte ihrer kleinen Schwester, damals vier Jahre alt, lediglich die heruntergerutschte Hose hochgezogen, nachdem das Gummiband gerissen war. Er wollte verhindern, dass das kleine Mädchen auf der Treppe stürzt. Seine Hilfsbereitschaft wurde ihm zum Verhängnis. "Feliks, das war der beste Mensch, denns wo überhaupt gibt, den haben wir alle gemocht, alle im ganzen Haus." erinnert sie sich.
Damals herrschte große Angst vor den Fremden. Viele befürchteten, ihren Töchtern oder Frauen könne etwas geschehen. So wurden zahlreiche Zwangsarbeiter unschuldig denunziert und ins Unglück getrieben. Fremdenhass hat schon immer großes Leid verursacht – und tut es bis heute.
Umso größer ist der Stolz auf die engagierten Schülerinnen und Schüler, deren Schule zu Recht den Titel „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ trägt. Möge das Denkmal weiterhin dazu beitragen, Erinnerung zu bewahren, Verständnis zu fördern sowie Freiheit und Demokratie zu schützen. Denn: Nie wieder ist jetzt.
Foto: bei der Enthüllung des Denkmals am neuen Platz vor der Angrüner Mittelschule, v.l.: Dr. Benedikt Grünewald, davor Josef Sedlmeier, Christian Nerb, Heiner Bruckmüller, Thomas Muggenthaler, Prof. Dr. Walter Koschmal
Text und Foto: Manuela Wahode
