Was ich mir als Kind von 11 Jahren zur Kriegsweihnacht 1944 wünschte

Man kann die Wünsche heutiger Kinder zu Weihnachten nicht mit denen von uns Kindern der Kriegsgeneration vergleichen. Es hat sich heute alles - Gott sei`s gedankt – anders entwickelt! Damals war schon für uns noch ahnungslose Kinder das unversehrte Leben der ganzen Familie, von Vater und Mutter, Geschwistern und seiner selbst das größte Geschenk. Heute ist unserem Deutschland, ja Europa, diese Einstellung weithin entschwunden, und es gelten andere Prioritäten und Ansprüche.

Ich erinnere an die vielfältigen Nöte, die der Krieg ohne Rücksicht auf den Jahreskreis und die Festtage ganz allgemein allen Mitmenschen in unserem Heimatort auferlegte. Manche traf es härter.

Mein Vater wurde schon 1939 nach Polen eingezogen. Dann war er bis zum bitteren Ende 1945 Soldat. Unsere Familie bedrückte das schwer, und wir sehnten uns nach ihm, besonders immer zu Weihnachten.

Da  schrieb ich um Weihnachten 1944 an ihn einen Brief nach Dänemark, wohin es ihn gerade verschlagen hatte. Diesen Brief auf schlechtem Papier bewahrte mein Vater bis zu seiner Entlassung in der Brusttasche seiner Uniform und trug ihn auf seinem Fußmarsch aus der Gefangenschaft bis nach Hause. Er warf ihn auch hernach nicht weg, so dass er nach seinem Tod wieder an mich zurückgelangte und ich heute noch daraus zitieren kann.[1] Aus ihm spricht die Sehnsucht eines Kindes nach dem Vater in dieser tragischen Situation:

„Es ist schon die dritte Adventwoche, nur noch 11 Tage und dann kommt das Christkind. Die ganze Familie hat Sehnsucht nach Dir, denn es ist schon das fünfte Weihnachtsfest, an dem Du nicht da bist. Du musst an diesem heiligen Fest in Dänemark sein und wir zu Hause ohne Dich. Mein Wunsch an das Christkind ist sonst nichts als dass Du bei uns bist, sei es auf Urlaub oder für immer.
Vielleicht erhört das Christkind unseren Wunsch noch. Was wäre das für ein Gefühl, wenn Du mit uns unter dem Weihnachtsbaum stehen könntest! Wir würden vor Freude sogar weinen

Wie wird Dir da zu Mute sein,  wenn Du immer allein in ferner Fremde bist. Vielleicht will Gott es noch gut machen, er hat uns doch auch bisher gut begleitet und vor Unglück bewahrt.

Wir hatten immer noch Glück – wir bei den Terrorangriffen und Du, dass Du noch am Leben bist.

Wie viele haben schon  ihr Leben auf den Opferalter des Krieges niederlegen  müssen! Gestern erst waren wieder die Flieger bei uns...

Lieber Papa, noch nicht ist Weihnachten und Gott kann noch in den Ort kommen, wo Deine Frau und Deine Kinder sind.

Wie ernst ist bloß diese Zeit. Fünf Jahre warst Du schon zu Weihnachten  nicht mehr bei uns. Jetzt haben wir schon Eis und Schnee, sie werden wohl bis zum Kriegsende da sein. Bis sie geschmolzen sind, wird der Krieg wohl aus sein.

Ich muss wieder allein einen Christbaum suchen. Hoffentlich können wir das nächstes Jahr schon zu zweit tun!

 

Du hast uns bisher in jeder Adventzeit getröstet: „Nächstes Jahr zu Weihnachten ist der Krieg schon aus, dann bin ich wieder bei Euch“.

Aber das schreibst Du schon zum fünften Mal. Hoffentlich wird es das nächste Mal wahr, sonst glaube ich es nicht mehr. So hast Du schon vier Wochen nachdem Du eingerückt bist gesagt, und nun dauert der grauenvolle Krieg schon 5 ½ Jahre!

Papa, ich würde Dich gerne ablösen, dass Du auch wieder einmal in Deiner Heimat sein könntest und nicht immer unter fremden Menschen (...)“

Der Wunsch erfüllte sich zu Weihnachten 1944 nicht. Bald darauf schrieb ich Papa noch einmal in den Krieg. Ich erzählte ihm von der Christmette, wie ich anschließend wegen Eis und Schnee  ausglitt und auf dem Hosenboden die 90 Steinstufen von der „Großen Kirche“ bis zum Schulhof herunterschlitterte und dem Herrn Pfarrer unter den Rock – gemeint war den Talar – rutschte. Dann berichtete ich auch, dass ich der kleinen Schwester Fanny unter der Ablage des Schneidertisches leider die Haare absengte, weil wir etwas suchten, was dorthin gefallen war, wobei ich ihr doch nur mit einer brennenden Christbaumkerze leuchten wollte.

Diese Kriegsjahre waren für uns Kinder bedrückend und sie verwirrten unseren kleinen Kopf. In der darauffolgenden Fastenzeit  fand in der „Kleinen Kirche“ für die ganze Klasse Beichten statt, wie es alle vier Wochen Brauch war. Wie ich es gelernt hatte begann ich: „ Meine letzte Beichte war vor vier Wochen. In Demut und Reue bekenne ich meine Sünden!“

Aber statt der angekündigten Sünden flüsterte ich dem Pfarrer ins Ohr: „Achtung, Achtung, Luftlagemeldung!“

Hochwürden Herr Pfarrer Lehner zweifelte an meinem gesunden Verstand. Ein paar Tage danach fragte er meine Mutter, ob bei mir im Kopf noch alles stimmte. Sie konnte nur berichten, dass ich in der letzten Zeit schreckliche Angst vor feindlichen Fliegern hätte, die uns ja Tag und Nacht heimsuchten. Alle ungewohnten Geräusche halte ich für Lärm von Fliegermotoren, Sirenen und einschlagenden Bomben. Das sei seit 22. Februar vergangenen Jahres so.[2]

Um die „Kleine Kirche“ herum war seiner Zeit kein himmlischer Friede. Hinter der Kirche  wurden in einer Werkstatt Wehrmachtsautos repariert und Flugzeugteile gebaut. Da konnte es schon passieren, dass der verdächtige Lärm in den Gewissensbereich eines sensiblen Kindes eindrang und seine Beichte zerstörte.


[1] PS. Einige sprachliche und orthographische Unebenheiten habe ich geglättet.

 

[2] Am 22. Februar 1944 wurde Bad Abbach bombardiert.