Vom Schwarzmarkt nach dem 2. Weltkrieg und von der Währungsreform 1948

Eigentlich gab es auch in der Notzeit nach dem Krieg fast jeden Artikel zu kaufen. Man musste nur die rechte Adresse und das entsprechende Geld besitzen, oder besser einen begehrten Tauschartikel. Man hieß die Bezugsquellen den „Schwarzen Markt“. Dort zahlte man üblicherweise 10-fache Preise.

Ein einfaches Schulheft kostete 5 Reichsmark; 1 Pfund Zucker konntest du um 20 Mark bekommen. Münzen wurden nicht mehr geprägt, Briefmarken ersetzten  einfach die Kleinmünzen. Sie galten als ordentliches Zahlungsmittel.

Auch ich nahm Kontakt zum Schwarzen Markt auf. Ich organisierte  in der Bäckerei, der ich nahe stand, Brothefe. Dazu hatte ich als angehender Stift leichten Zugang. Der Abnehmer war ein Pole aus dem UNRA-Lager Zigetsdorf. Er brauchte die Hefe zum Schnapsbrennen. Seinen Namen nannte er nie. Papa und ich nannten ihn „Mister Gefe“. Er konnte das Wort Hefe  nicht aussprechen. Die UNRA- Leute waren, wie es den Anschein hatte, ein zusammengewürfeltes Ausländer Gesindel. Man verzeihe mir  das despektierliche Wort. Aber damals waren  verzwickte Verhältnisse. Die so Gekennzeichneten trieben  uns Einheimische aus den Wohnungen, bestahlen und beraubten uns. Einen brachten sie in einer Nacht sogar um. Sie nahmen ungestraft Rache  für die Verfolgung in der Nazizeit. UNRA war die Abkürzung für „United Nations  Resarch Agency“. Wir gaben dem Kürzel einen anderen Sinn: „Uns Nehmens Rein Radikal Alles!“

Wie ich den Mister Gefe so eifrig kommen sah, und er als Gegenleistung sogar Stoffballen, die er sicher  vorher irgendwo gestohlen hatte,  für die Schneiderei meines Vaters brachte, da ahnte ich, wie begehrt der Tauschartikel Schnaps war.

Ich hatte bald das Verfahren  der Schnapsbrennerei in Erfahrung gebracht. Es dauerte nicht lange, dann konnte ich Zuckerrüben und Kornschnaps für den Bedarf von Mister Gefe brennen. Alkohol war einträglicher als Hefe. Es war mir nicht bewusst, auf welch gefährlichen  Gleisen ich mich bewegte. In dieser chaotischen Zeit war auch die Moral auf der Strecke geblieben.

Im Juni 1948 fand unverhofft über die Nacht die Währungsreform statt. Nur die Naiven, und meine Familie gehörte wohl dazu, traf sie unvorbereitet. Es wird allen Habenichtsen so ergangen sein. Wir hatten kein übriges Geld, darum war uns die Wirtschaft kein Problem. Aber plötzlich war die Reichmark im Verhältnis 10 : 1  abgewertet. Ab jetzt führte die Reichsmark den Namen „Deutsche Mark“. Jeder Deutsche, ob Kind  oder Greis, bekam auf der Gemeindekanzlei 40 DM sog. Kopfgeld. Das war sein Neuanfang. Es hieß, alle seien jetzt gleich. Aber einige waren gleicher! Manche Kaufleute in Bad Abbach hatten rechtzeitig die Waren, die anderen auf Lebensmittelkarten oder Bezugsscheine zugestanden wären, gehortet für den Tag X.

Schon am Tag darauf waren ihre Läden  und Schaufenster  mit rarsten Sachen gefüllt. Man konnte um die DM alles kaufen, was man haben wollte.

Woher waren die Sachen bloß  über die Nacht gekommen? Es war doch noch kein Lieferauto eingetroffen.

Ab da ging es aufwärts. Ich war gerade aus der 8. Klasse der Volksschule entlassen worden. Mein Wissensstand  in manchen Fächern  war nicht so ganz prächtig, was den Zeitumständen entsprach. Die Grenzen und Gepflogenheiten des „Großdeutschen Reiches“ hatten sich aufgelöst. Ich war ja von den damals üblichen 8 Schuljahren kriegsbedingt nur 6 Jahre anwesend. Das kompensierte man durch Frühreife und Raffinesse.