Volksschule in Bad Abbach für die Kriegs- und Nachkriegsgeneration (1940-1948)

Der Lauf meines Lebens brachte es mit sich, dass ich mitten im Krieg, nach Vollendung des 6. Lebensjahres, für „Führer, Volk und Vaterland“ in die Pflicht genommen wurde. Es war Ostern 1940, die bevorstehende Schulzeit war auf 8 Jahre terminiert und man übte sich anfangs noch in der „Deutschen Schrift“ (Sütterlin). Mein Vater befand sich schon auf einem anderen Schlachtfeld; aber eine Art  Kriegsschauplatz  war es auch, wohin mich meine Mutter jetzt brachte.

Daran änderte auch die liebwerte Seele der gütigen und mütterlichen Empfangsdame, wie ich die Oberlehrerin  Maria Schirmer  für diesen Augenblick  bezeichnen möchte, nichts. Stand ihr doch  beim Aufschreiben  meiner Personalien Fräulein Oberlehrerin  Maria Krach  zur Seite. Ihr ging der Ruf voraus, dass sie alle krummen Pflänzchen  zurecht biegen  würde.

Ich selbst machte mit ihr in der Praxis meiner Abbacher Laufbahn per Augenschein die Erfahrung, dass diese Leben sprühende   Person  durch Geistesschärfe und reiches Wissen glänzte. Sie war wegen vieler und ausgedehnter Reisen erfahren.

Der Schulleiter war Hauptlehrer Karl Heinrich, ein strenger, konsequenter und tüchtiger Lehrer, der nach dem Krieg Bürgermeister war, aber von der Militärregierung wegen seiner NS- Mitgliedschaft bald darauf  abgesetzt wurde. Die Abbacher wählten ihn jedoch trotz dieser Maßnahme bei der nächsten Gelegenheit dann wieder, diesmal aber zum Verbleib, nachdem er entnazifiziert war.

So ist es eben, dass wir unsere Erinnerungen an die Schulzeit mit den Lehrern stützen, mit denen  wir in guten wie in bösen Tagen  unsere Zeit teilten. Sogar mein Vater, Schülerjahrgang 1912, erzählte am liebsten  eine Lehrergeschichte, wenn er die Frage nach seinen Schulleistungen geschickt umgehen wollte.

Papa war das Kind zwar angesehener, aber nicht allzu vermögender  Leute hier in Abbach. Sie besaßen eine Geiß (=Ziege), die der Familie, die Gott jedes Jahr mit einem weiteren Kinde segnete, Milch spendierte. Einmal hütete sie Papa als Bub auf dem Turnplatz (heute Asklepios), hängte sie an eine Stange und schaute ihr beim Fressen zu.

Da kam sein Lehrer, Hauptlehrer Fischer, des Wegs. Papa soll ihn nicht gerade abgöttisch geliebt haben, wie er selbst erzählte. Fischer streichelte die weiße Ziege und sagte:  „Hast du da ein schönes und liebes Tier!“ Papa kannte die Aggressivität  seiner gehörnten Geiß gegenüber Fremden und hoffte zuversichtlich auf die übliche Reaktion. Schon nahm sie Anlauf durch Rückschritt, steuerte auf den Hauptlehrer zu, stieß ihn in den Bauch, dass er zu Boden stürzte. „Hast du ein verdammtes Mistvieh!“ schimpfte er jetzt, und Papa musste sich hüten zu lachen, was er am liebsten getan hätte.

Kehren wir wieder zu mir selbst zurück: Trotz guter Lehrer, aber wegen mangelnder Unterrichtsmittel und ideologieträchtiger Lehrpläne produzierte die damalige Planwirtschaft in den Schulen des Reiches serienweise Mangelware. In unserer Abbacher Schule war es nicht  so krass. Wie es sich später herausstellte, waren unsere Lehrer zwar Listen mäßig in der Partei, aber doch systemkritisch. So kämpften sie bei uns, ihren Schülern, um ein ausreichendes Fundament für das spätere Leben: Rechnen, Schreiben und Lesen.Mit dem Pfarrer Alois Lehner  als Religionslehrer  bewältigten diese drei Lehrkräfte  mit uns zusammen im Schichtunterricht die gesamte Kriegszeit.

Einer anderen Persönlichkeit gebührt an dieser Stelle ein kräftiges Memento. Es ist die Wally Schütz, das Faktotum  all der Jahre meiner Abbacher Schulzeit. Sie diente als Klagemauer, Nachhelferin, Besorgerin, Putzfrau und Raumpflegerin. Sie schleppte Holz und Kohlen für die vier Kachelöfen  im Schulhaus auf die Schulbruck. Ohne sie wären wir erfroren und im Unrat erstickt. Sie war so zu sagen die Schmiere im Räderwerk der Schulpflicht.

Abgesehen von einer gewissen orthographischen Unterentwicklung, die kriegsbedingt war, machte ich in der Schule zu Abbach  respektable Fortschritte.  Als ich jedoch meinem Vater 1944 aus der 4. Klasse einen langen Brief nach Dänemark schrieb, offenbarte sich die erwähnte Schwäche. Papa liebte diesen Brief so sehr, dass er ihn nicht wegwarf. Er trug ihn nach seiner Entlassung aus der Gefangenschaft über 1000 km  in seiner Brusttasche nach Hause, ohne  über die schwere Bürde der 40 Rechtschreibfehler zu klagen.

Am Ende des Krieges nahmen einige neue Lehrkräfte  an unserer Schule den Dienst auf. Einer von ihnen war Franz Brehm. Er kränkelte vom Krieg her und verstarb sehr früh. Wir hielten ihn für einen guten Lehrer und waren über seinen Tod sehr traurig.

Das Fräulein Rosenkranz aus dem Saarland war in der Zeit des Lehrermangels  am Ort sehr willkommen. Frau Adele Speer hielten wir wegen ihres beständigen Erscheinens mit Holzgaloschen  für eine Schrulle.  Dabei konnte sie wegen des allgemeinen Mangels gar nichts dafür. Wir ärgerten sie oft unbarmherzig, sie aber strengte sich an und gab ihr Bestes.

Allmählich erreichte der Schulbetrieb seinen normalen Lauf. Oberlehrer Josef Manglkammer, genannt der „Jos“, war aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt und belebte die Schule, den Sport und das öffentliche Leben. Als Schulleiterin fungierte nach dem Krieg Frau Weber. Sie zog sich aber ein heimtückisches Leiden, die Tuberkulose, zu und es ereilte sie ein früher Tod. Als Schulrat waltete in Kelheim am Schulamt Herr Staudt.

Es soll noch erwähnt sein, dass damals auch alle Lehrerinnen ledigen Standes sein mussten. Es galt  auch für sie noch eine Art Zölibat wie bei den Pfarrern. Die Kinder sollten durch den Anblick einer schwangeren Frau auf keine akzelerierten Gedanken kommen. Aber der Staat war nach dem Krieg klüger als die Kirche  und hob diese Last auf, was ihm nur nützte.

Ein ausgeprägtes Schulleben mit Festen und Feiern und besonderen Ereignissen, wie weiland des Führers Geburtstag, gab es nach dem Krieg nicht. Die Not der Nachkriegsjahre hatte uns noch im Griff. Es war schon eine Auszeichnung für mich, als ich 1946 eine Tafel Schokolade als Preis der Militärregierung für meine guten Leistungen  erhielt. Später wurde mir der Preis einer Orange zuteil. Es war die erste Orange meines Lebens.

Wir Kinder des Schuljahrgangs 1940 wuchsen 1948 trotz allen Mangels aus der Schule hinaus. Heute sind sie bis auf wenige Ausnahmen schon verstorben.Ich hatte das Glück und die Energie über eine Spätberufenen Schule den  höheren Bildungsweg zu erreichen. Das Ziel Abitur erreichten damals nur wenige, zu denen ich 1956 gehörte.