Verquere Erziehungsmittel und Erziehungsziele in Nazi-Deutschland

Jetzt gerade, im Frühjahr 2010, offenbarte sich zum Erschrecken des ganzen Landes, ja Volkes, das Ausmaß verabscheuenswürdigen sexuellen und körperlichen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen  in Kirche und Gesellschaft. Was wir wahrnehmen, und wovon die Presse voll ist, ist sicher nur der Gipfel des Eisbergs.

Ich selbst wurde in einer Zeit groß, in der uns Kindern, den sexuellen Missbrauch einmal ausgeklammert, viel zugemutet wurde. Man dachte zu Hause und in der Schule, wo es auf der Rück- und Breitseite oft nach Brand roch,  an den Spruch „O  heiliger Sankt Florian, etc.“.

Meine Schulzeit war „gesegnet“ mit der Prügelstrafe und mit dem ganzen unpädagogischen Instrumentarium. Auch scheute sich fast kein Lehrer, davon Gebrauch zu machen. Nach  heutigen Maßstäben (nach 1970) gerechnet, wäre das ganze Lehrerkollegium meiner Schulzeit mindestens jede Woche einmal  in den „Erholungsurlaub“ auf Staatskosten geschickt, oder völlig erneuert worden.

Warum war man sich dessen nicht bewusst, dass Lob viel mehr Gutes bewirkt als Tadel, dass man mit einem Tropfen Honig mehr Fliegen fängt als mit einem Fass Essig, dass es jedem Hund gut tut, wenn man ihn streichelt?

Solches Reden sei unrealistisch oder opportunistisch? Ich weiß selbst aus einer 40-jährigen Erfahrung als Lehrer und Schulleiter – und meine Zeit war im Vergleich zum Jetzt noch eine harmlose und himmlisch friedvolle Welt – wie ungezogen, frech, ja unverschämt viele Schulkinder schon ab der Grundschule zu ihren Lehrern sind. Ich weiß aus meiner Erinnerung als Rektor eines großen Schulzentrums aber auch noch, dass es nicht selten auch an einem Lehrer oder einer Lehrerin lag, wenn es Zoff gab.

In der Hauptsache lagen die Probleme darin, dass die Menschen dazu neigen, von einem Extrem in das gegenteilige zu fallen. Davon sind die Lehrer und Lehrerinnen, Erziehungsmittel und –ziele nicht ausgenommen. Am besten wäre die Tugend der Mäßigung oder der goldene Mittelweg.

Von Johann Amos Comenius bis noch zu Pestalozzis Zeiten  galten virga et baculus  (dt. Stock und Rute)  als Wappenzeichen für den Lehrer. Aus diesem Erbe  hat sich die  unrühmliche Tradition wohl unbewusst bis in unsere Zeiten fortgesetzt. Der Stecken kam oft und geschwind zum Einsatz, leider früher als die Überlegung und Besinnung!

In meiner Schulzeit  machte der Hauptlehrer und Schulleiter von diesem „Hilfsmittel“ häufig Gebrauch. Freigiebig verabreichte er Tatzen (= Stockschläge auf die Hände, je drei oder sechs), manchmal auch  Übergelegte (= Arschprügel mit einem Stock oder „spanischen Rohr“). Der Hauptlehrer war sozusagen der Exekutor der Empfehlungen der untergeordneten  weiblichen Kräfte, wenn diese eine Tracht Prügel wegen der Tragweite des Vergehens oder aus eigener Hilflosigkeit für angezeigt hielten. Eine gelegentlich vom Wesen her cholerische Unterklassenlehrerin vernagelte den Kleinen die Knöchel der geballten Hand mit einem Schlüsselbund,  und sie war bekannt für diese Art des Vollzugs.

Bedauerlicher Weise trauten die Kinder zu Hause dies nicht zu sagen, weil es sonst gleich noch einmal etwas setzte. Der Lehrer galt in der Nazi-Zeit ja als Autoritätsperson und sakrosankt, zumal wenn er auch noch in der Partei war.

Mein Schulleiter hatte einen ungewöhnlichen Verschleiß von Stöcken. Er fühlte sich berufen, alle Faulenzer  und Umtreiber  der ganzen Schule durchzuhauen, sobald er ihrer handhaft wurde. Aber nicht zuletzt deswegen galt er als zwar strenge aber angesehene Autoritätsperson. Manchmal fetzte er den Stock auch nur auf die erste Bank, dass vom Knall alle erschraken, und der Ernst der Stunde augenblicklich offenbar wurde. Manchmal mussten die Delinquenten  vor der angedrohten Exekution selbst einen Haselnussstecken besorgen. Er musste fingerdick und länger als einen Meter sein, am besten gleich zwei oder drei, damit Vorrat vorhanden sei, wenn etwa ein Stecken vorzeitig abbrach oder ausfranste.

Ich erinnere mich eines gewöhnlichen Falles: Ein Mitschüler hatte keine Hausaufgabe im Rechnen. War ihm die Aufgabe zu schwer oder war er zu faul?  Das Resultat war zu Beginn der Unterrichtsstunde von allen in der Bank gegen den Mittelgang zu schieben. Auf der Schiefertafel des besagten Kameraden stand „Geht nicht!“, was wohl so viel wie „für mich unlösbar“ bedeutete.

Dafür wurde er vom Hauptlehrer  am Ärmel aus der Bank gezerrt, über die erste Bank gelegt, und in Bezug auf die fünf Buchstaben windelweich gedroschen. Wegen der Häufigkeit solcher Maßnahmen hat sich der Betroffene schon einmal etwas in der Hose verstaut, um die Übergelegten zu entschärfen. Aber manchmal hat ihm der Pädagoge in seiner Hitzigkeit die Schutzwehr  nach dem ersten Schlag aus der Hose gezogen.

Wen nimmt es Wunder, wenn auf diese Weise  malträtierte Kinder  den Zeitpunkt erwarten, an dem den Lehrer der Blitz trifft, und die Schulzeit zu Ende geht, damit man das Empfangene an andere weitergeben kann?

An dieser  Stelle nehme ich Bezug auf mich selbst. Mich persönlich hat nie ein weltlicher Lehrer mit dem Stock geschlagen oder geohrfeigt. Nur mein sonst geschätzter Religionslehrer hat mir sechs Tatzen, auf jede Hand je drei, verabreicht, weil ich die 10 Gebote nicht lückenlos aufsagen konnte.  Weil es sonst keiner tat, darum blieb mir vielleicht ein ungetrübtes Verhältnis zu  gewöhnlichen Stecken, die ich gern  bei all meinen Bewegungen mit mir führte. Es könnte ja sein, dass für mich ein Stecken  ein Hilfsmittel  gegen meine vielgeschichteten Ängste war, die ich nie gezeigt oder zugegeben hätte. Ich habe mich vielleicht hinter dem Stecken versteckt, oder mich auf den  Stecken gestützt. Ich hätte ihn gleich zur Hand gehabt, wenn ich seiner bedurfte.

Auf diese Weise hat dann das niedliche Steckerl mit dem Krieg zu tun, mit dem Krieg im Kleinen, der für ein hilfloses Kind  oft ein Großer ist.

 

 

Hier im Bild ist der letzte vorhandene „Spanische“ oder Tatzenstock aus der Volksschule von Bad Abbach zu sehen. Ihn soll der  Schulleiter, später Bürgermeister,  zuletzt benutzt haben. Das Relikt wurde freundlicher Weise von  meinem ehemaligen Mitschüler Willi Spanner dem Archiv überlassen.

 

So weit zu den Erziehungsmitteln. Aber ich versprach noch  Ausführungen zu den Erziehungszielen in der Nazizeit. Im Mittelpunkt der „Erziehungsarbeit“ der Nazis stand die Angst vor und der Hass gegen den Feind.

Es war ein beliebtes  Gruppenspiel auf dem Pausenhof, das sich „Fürchtet ihr den schwarzen Mann“ nannte. An Hauswänden, auf jeden Fall an jeder Telefonstelle, glotze einen ein mannsgroßes Plakat an, das einen schwarzen Mann darstellte. Darauf stand zu lesen: „Pst, Feind hört mit!“ Feinde wurden nicht selten  mit Marokkanern oder Negern verglichen, die, wenn sie kämen, unsere Frauen vergewaltigten. So heizte man überall Ängste und Hass an.

Es war am 17.8.1943.  Es fand ein Angriff auf die Messerschmitt-Flugzeugfabrik in Prüfening statt. Mama und wir zwei Geschwister  rannten in den Luftschutzkeller beim Bad. Die Flak (= Flieger-Abwehr-Kanone) ballerte aus allen Rohren. Man hörte auch das bedrohende Surren von Fliegermotoren. Wurde ein Flugzeug getroffen, pfiff es  über den Himmel und zerbarst irgendwo in der Nähe. Gelegentlich zog man die Köpfe ein, weil man befürchtete, das brennende Ungetüm  könnte auf unseren Keller stürzen und uns lebendig begraben.

Einmal wurde nach einem Alarm Entwarnung gegeben (langanhaltender, gleichmäßiger Sirenenton ohne Steigung und Senkung). Irgendjemand musste entdeckt haben, dass ein Tomi oder Ami aus einem brennenden Bomber ausgestiegen war. Sicher war auch  dieser angsterfüllt oder siegeshungrig in seinem fliegenden Blechkäfig  aus seinem Heimatland über die Grenzen unseres Vaterlandes gekommen, um uns Böses anzutun.

Jetzt trug ihn ein Fallschirm langsam zu Boden, aber in eine ungewisse Zukunft.

Da ging ein Geschrei und Gekeife und Geschiebe  durch die hinaufgaffende und hinaufzeigende Menschentraube.

Eine besonders  eifrige Nazi-Frau, sie war gerade Witwe eines Armeemajors geworden,  in der Gemeindearbeit beschäftigt, tat sich hervor. Sie verlangte von den Anwesenden, Müttern und Kindern, dass wir dem feindlichen Soldaten in das Gesicht spucken, wenn er von den ausgeschwärmten Gendarmen eingefangen  und durch das wartende Spalier geführt wird.

Weil die Anstifterin mit einem lebenswichtigen Vollzug für alle in Bad Abbach zu tun hatte, ließen sich  einige Frauen und Kinder beschwatzen, den gefangenen Flieger anzuspucken.

Für den feindlichen Soldaten, der auch ein Mensch war, war dies sichtlich demütigend. Ich habe ihn nicht angespuckt, ich hätte es nicht fertig gebracht, und wenn man mich erschlagen hätte.