Übliche Wohnkultur in (Bad) Abbach bis zur Währungsreform (1948)

Der rapide Verschleiß von Einrichtungsgegenständen, wie er heute vielfach üblich ist, war vor 1948 unvorstellbar. Die Möbel waren „Handwerkerkunst“ und wurden über Generationen vererbt. In ihrer Eigenart empfand man sie in gewisser Weise als sakrosankt. Mit und unter ihnen lebten die Vorfahren in der Erinnerung weiter. Oftmals wurden sie zur Hochzeit neu angeschafft und sollten für das ganze Leben taugen. Wurden sie aber dennoch wackelig und hinfällig, konnte man sie reparieren. Erst nach der Währungsreform traten andere Sitten auf und man warf alles hinaus, was man aber heute bedauert.

Die Stücke ähnelten sich in den verschiedenen Haushalten und waren nicht sehr üppig, weil die Zivilisation in (Bad) Abbach eben auch nicht besonders positiv ausgeprägt war: Im Raum, in dem man lebte und hauste, stand ein Tisch mit gewöhnlich vier Stühlen, ein Küchenherd zum Heizen mit Holz und Kohlen, ein Büfett und ein Speisekasten. Die modernen Kühlgeräte waren noch nicht erfunden. Wenn die Raumgröße es zuließ, stand da an einer Wand auch noch ein Kanapee, auf dem man sich zur Ruhe begab, wenn die Zeit es zuließ. Über Letzteres will ich heute  erzählen, weil sich die Jüngeren unter uns seine ehemalige Bedeutung nicht mehr recht vergegenwärtigen können. Die heutige Erzählung gehört jedoch eher in das Fach Volkskunde als Geschichte.

Wenn ich etwas weiter aushole, beginne ich folgender Maßen:

Bad Abbach liegt an der Grenze zwischen Niederbayern und der Oberpfalz. Heute bin ich Kosmopolit, und der Unterschied zwischen einem Niederbayern und einem Oberpfälzer  macht mir nichts mehr aus. Ich heiratete sogar eine Oberpfälzerin und damit ist meine Liberalität mehr als bewiesen.

Vor 70 Jahren war es noch anders! – Ich sollte vielleicht nebenbei bemerken, dass ich jetzt 77 bin – da kannte ich mich nur in Niederbayern aus, und alles andere war Ausland, so entschieden Ausland, dass ich nicht einmal sagen könnte, ob es dort auch Kanapees gab.

Kanapee war irgendwie Statussymbol. Wir besaßen kein Chaiselongue, denn wir gehörten  zum – historisch gesehen- dritten Stand. Unser Gegenstück  hieß auf gut bayrisch  Kanapee. Ein solches hatte ein dreifaches, genauer gesehen, sogar ein fünffaches leben:

Ein Überleben, ein Oberleben, ein Innenleben, ein Unterleben und ein Intimleben. Über Letzteres darf ich in unserem Zusammenhang diskreter Weise schweigen. Bezüglich dieses Punktes finden Sie – wenn sie wollen – detaillierte Aufklärung  in Claude de Cribillion`s Bestseller „Das Sofa“.

Beginnen wir nach den Gesetzen der Baukunst mit dem Unterleben! Eine große, rötlich braune Kanapeedecke aus grobgewirkter Baumwolle, die oben und unten und auf der Vorderseite bis zum Boden reichte, breitete sich über das optisch dominierende Möbelstück. Auf der Hinterseite war eine Sichtblende überflüssig, weil das Kanapee an die Wand anschloss.
Der so gewonnene Raum unter der stets wohlgeordneten sichtbaren Ruheplattform verbarg schamhaft  alle Gegenstände, die den möglicherweise verwöhnten Blick Außenstehender hätten stören können, aber im täglichen Leben unverzichtbar waren.
Flugs waren sie hinuntergeschoben und fanden Gesellschaft mit feingeputzten und ungeputzten Straßenschuhen, aktuellem und verflossenem Spielzeug, Holterdipolter- und Rumpelkram.

War ein Besuch zu erwarten, bedurfte es nur einiger Fußschübe, und peinliche Ordnung  breitete sich über die  ganze Stube aus.Die Stube, von der ich hier rede, war bei uns Wohn-, Speise-, Schneider- und Feierabendstube, Küche, Empfangssalon und Modekabinett. Darüber hinaus besaßen wir nur noch ein Schlafzimmer. Das war der gesamte Wohnkomfort meiner Kinderzeit.
Im Unterleben  blieb gerade noch so viel Platz, dass ein nicht gerade üppiges Bürschlein, wie ich es damals war, ein eiliges Versteck oder Notquartier finden konnte, wenn es brenzlig wurde.

Von Zeit zu Zeit griff meine Mutter nach dem Besenstiel und räumte die unterirdischen Kostbarkeiten nach den drei offenen Seiten hin an das Tageslicht. Nicht selten  entwischte Mama ein überraschter  Aha- oder Erleichterungsseufzer, wenn schon längst Verlorengeglaubtes plötzlich wieder vorhanden war.
Einige Male war sie auf Papas Hilfe angewiesen, wenn wegen der Über- oder besser  Unterfüllung der Platz unter dem Kanapee nur mehr mit vereinter Hub- oder Schubkraft bereinigt werden konnte.

Lüften wir jetzt die barmherzige Decke und bestaunen wir die stabile Handwerkskunst. Der Röhrl – Sattler richtete den vierbeinigen Holzkasten, den ihm der Hoffmannschreiner geliefert hatte, zu einem wahren Meisterstück der Handwerkskunst auf.  Dazu verwendete er Drahtfedern, ca. 50 an der Zahl, je mehr, desto besser, ich habe sie nicht gezählt, Seegras und Sackrupfen und mehrere Knäuel Spagatschnur. Das Ergebnis war  ein geruhsames und bequemes Sitzkissen oder Liegebett. Ein fester, aber doch ansehnlicher  violett-brokatener  Überzug verschaffte einen nach unserem Geschmack stilvollen Eindruck.
Mit den zitierten Bestandteilen und Beigaben ist das extravagante Innenleben angedeutet: Vom ersten Tage seines Daseins an quietschte das Kanapee verräterisch und nichts Gutes heischend, wenn mein schwergewichtiger Vater, ein Kunde oder Gast auf ihm Platz nahm und es sich gemütlich machte. Überhaupt im vorgerückten Alter, nach starker Überlastung  durch uns  übermütig auf ihm herumkabbelnde, - hüpfende, - turnende Kinder  gab es keinen bequemen Ruheplatz mehr ab, sondern ließ all zu üppige Gesäße an manchen Stellen in tiefe Abgründe einsinken oder wegen der stechenden Drahtfedern wie elektrisiert hochschnellen. Solche Gefahrenzonen versuchte Mama oft durch Unterschieben einer Bügeldecke oder dergleichen zu überbrücken. Von Zeit zu Zeit aber, etwa jedes fünfte Jahr, konnte nur mehr  mit Hilfe des Herstellers durch eine Reparatur das Überleben gesichert werden.

Kommen wir nun zum Oberleben, zu all dem, was in meiner Erinnerung  an Erlebnissen auf unserem alten Kanapee lebendig geblieben ist:
Wir Kinder wurden von Mama  auf ihm zur Ruhe gebettet und warm zugedeckt. Interessiert belauschten wir  von dieser Warte aus das Geschehen in der Stube, bis uns die Müdigkeit den Sinn trübte und die Augen schloss. Später suchten wir dieses Refugium schon selbst auf und überließen  uns der Müdigkeit und dem erholsamen Schlaf.
Im Krankheitsfall wurde hier das Kinderbett aufgeschlagen, und von Einsamkeit oder Verlassenheit fand sich keine Spur. Von Fall zu Fall streckte unser Vater  an diesem Ort seine schweren Glieder aus und schnaubte und schnarchte vom Wirtshaus heimgekehrt einer unbeschwerten Zeit entgegen. Ich selbst ließ mich gerne zum Lesen auf das Kanapee nieder, zumal man das Kopfteil der liegenden oder sitzenden Stellung anpassen konnte. Dazu diente ein Scharnier und ein arretierbares Bogeneisen, die ich noch dem Innenleben zuzueignen neige. ( Das Kopfteil hieß vulgär Kopfhap`n [mit offenem a!] = Kopf + Haupt, eigentlich ein Hendiadioin!)

Ich sehe heute  noch Menschen einer längst  verblichenen Generation auf dem Kanapee sitzend aufgereiht. Sie unterhalten sich angeregt und plaudern munter, während mein Vater  an der Nähmaschine oder auf dem Schneidertisch sitzend ungestört seine Arbeit verrichtet.

Auch mein einzig geliebtes Hündchen Waggerl nahm hier oft neben mir seinen Platz, ob ich dasaß  oder dalag, drückte sich an mich, versuchte mich zu liebkosen oder abzulecken. Hier hauchte er auch seine noch so kindliche Hundeseele aus, nachdem er sich bei einem all zu waghalsigen Sprung  von einem Felsen  bei den Löwen (= ein Denkmal an der Donau vor der Ortseinfahrt von Kelheim her) den Großteil der Knochen gebrochen hatte. Ihm war nicht mehr zu helfen, obwohl ich alle Mächte des Himmels und der Erde für ihn aufbot.

Auf dem Kanapee spielten und rauften wir, meine Schwester und ich. Dort schnipselten wir  die Musterfleckerln aus der Werkstatt unseres Vaters und stritten uns um die schönsten Farbmuster. Einmal stach mir an diesem beschaulichen Platz meine Schwester unachtsamer Weise eine Schere in das Knie, woran mich noch heute eine große Narbe erinnert. Einmal rächte sie sich an mir für ein nicht mehr bekanntes Vergehen, indem sie mir während eines seligen Schlafes  einen Schuh über den Kopf knallte, den sie vorher aus der schon bezeichneten Tiefe gezogen hatte. Heute ist sie schon tot meine Schwester, leider vor mir, obwohl sie jünger war als ich. Ist das die Strafe für das damalige Verhalten? Ich hatte es ihr doch schon längst verziehen!

Das Kanapee war ein Platz zum Lachen und zum Weinen, zum Reden und zum Schweigen, zum Warten und zum Entscheiden, zum Leben und zum Sterben.

Irgend wann musste es nach drei Umzügen und nach der Währungsreform dem modernen Leben und gehobenen Ansprüchen weichen. Eine Couch nahm seine Stelle ein und verdrängte es in das Gartenhaus, wo auch die Mäuse seine Gäste wurden. Kein Möbelstück konnte ihm aber je wieder das Wasser reichen, und ich selbst denke oft mit Wehmut  zurück an unser altes Kanapee in der warmen Stube, wenn ich todmüde bin.