Religiöse Erziehung und Praxis in den 1940er Jahren in Bad Abbach

Ich will auch einmal etwas für die an Religion und Kirche Interessierten tun, weil religiöse Themen gelegentlich auch mit der Geschichte des Ortes zu tun haben und deshalb nicht verschwiegen werden dürfen. Es soll  das gesamte Lokalkolorit der damaligen Zeit dargestellt werden:

Wir Schul- und Kindergartenkinder besuchten  fast alle den sonntäglichen Gottesdienst. Die Kleinen noch in Begleitung der Eltern. Da waren die Kirchen noch voll! Meistens gingen wir ins Amt um 10.00 Uhr. Dieses dauerte aber sehr lang und stellte die Geduld unzumutbar auf die Probe. Der Kirchenchor sang feierliche lateinische Ämter. Was sie da sangen, verstanden nur ein paar erlauchte Personen. Die Frau Röhrl-Sattlerin und die Frau Franziska Zellner strapazierten ihre ältlichen Stimmbänder, und auf der Orgel spielte unser Hauptlehrer Karl Heinrich oder Sepp Marchner oft ein schrilles Stakkato, was vom unregelmäßigen Orgeltreten herkam oder von diversen Defekten  am Orgelwerk. Es war oft zum Erschrecken!

Im Kirchenschiff saßen wir Kinder  dem Alter nach aufgereiht in den Bänken, links vom Mittelgang auf der „Weiberseite“ die Mädchen, rechts vom Mittelgang, auf der „Mannerseite“ die Buben. Während auf der Weiberseite wegen der dazwischen eingestreuten Klosterschwestern vom Kindergarten oder Krankenhaus gesittete Zustände herrschten, ereignete es sich sehr häufig, dass auf der Mannerseite  der Teufel los war, was Hochwürden Lehner beim Messelesen sehr störte.

„Glücklicher Weise“ gab es dagegen den „Feldmeier Hardl“ (Hardl = Bernhard), der es sich selbst zur Aufgabe gemacht hatte, für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Er hatte als Zeichen seiner „Amtsgewalt“ ab einem bestimmten Datum  eine ofenrohrähnliche, lange Pappendeckelrolle, die er bei eingetretener Störung  wie den Strafblitz des Zeus auf den Kopf  des Störers sausen ließ, was einen gefürchteten Plescherer erzeugte (Plescherer = Knall),  der mehr Aufsehen erregte als das Verhalten der  ungezogenen Kinder. Die Eltern, weit hinten in Andacht oder  Schlaf versunken, rissen die Köpfe hoch, ob nicht ihr  „Pangert“ die Ursache des Zwischenfalls war. Man schämte sich dann vor der Öffentlichkeit und die meisten Väter hatten schon vorher für einen solchen Schandfall Arschprügel angekündigt. Ob sie diese dann daheim vollzogen oder nicht, steht auf  einem anderen Blatt.

Mir war es in der Kirche meist sehr langweilig und ich betätigte mich daher oft als Holzschnitzer und Löcherbohrer, wobei mir die Kirchenbank vor mir als Material und das Sackmesser als Werkzeug dienten. An mindestens fünf Stellen  des gottgehörigen Mobiliars der „Großen Kirche“  trugen die sonntäglichen Schwerarbeiter  die Initialen ihrer Namen ein. Mit fortschreitendem Alter kamen die Namen der  angebeteten Mädchen dazu, oft mit Herz und Pfeil mittendurch. Wenn die Eingebung so lautete, wollte man wissen, wie dick das Brett  vor einem ist.  Das verlangte dann ein gehöriges Stück Arbeit, denn die Zeit drängte. Man wollte auch noch den Nutzen solcher Löcher testen.  Man stach schon einmal mit einer zurecht gebogenen Sicherheitsnadel durch das Loch den Vordermann in den Rücken, oder sonst wo hin, je nachdem wie hoch das Loch postiert war.

Im Maimonat erfreute sich  die Mutter Gottes einer besonderen Verehrung, nicht gelegentlich, sondern jeden Tag. Ihr gehörte die Pracht der Blüten und Blumen in den Gärten  und in der Flur. Für Maria errichteten fromme Erwachsene oder deren  Kinder  auch zu Hause einen Maialtar. Weil wir keinen eigenen Garten besaßen,  klaute ich die nötige Pracht dort, wo sie mir in die Augen stach. Wenn das Jahr früh dran war, gab es auch schon die Pfingstrosen, wenigstens in den letzten Maitagen.

Eine Neuerung im Mai galt als ganz sicher:

Hinter der Vest, auch nahe am Friedhof,  entfalteten mächtige Kastanien, Ahorn- und Lindenbäume ihr erstes Grün. An ihm taten sichs Schwärme von Maikäfern gütlich.  Ganze Trauben dieser damals als Ungeziefer eingestufte Spezies Scarabei hingen an den Zweigen und harrten der Sammlerleidenschaft von uns Kindern, oder dass sie von den Vögeln oder Hühnern gefressen werden.

Wenn nahm es Wunder, wenn gerade wir Buben besonders prächtige Exemplare in eine Streichholzschachtel sperrten und im Hosensack  mit in die Maiandacht nahmen? Dort ließen wir sie dann  in den weihevollen Kirchenhimmel sausen. Sie kamen erst zur Landung , wenn  sie an die Wand  oder an sonst was flitzten.

Dieses kurzweilige Spiel  fiel in der Maiandacht dem massenhaft vorhandnen  Kirchenvolk nicht absonderlich auf, sie ignorierten es aber auch  wegen ihrer tosenden Inbrunst  oder sentimentalen Hingabe. „Maria zu lieben, ist allzeit mein Sinn“ – „ Meerstern ich dich grüße“ – „Wunderschön Prächtige“, sangen die Frommen. Das   Reservoir des Nachwuchses  lautete aber auch : „ Maikäfer flieg, der Vater ist im Krieg, die Mutter ist im Pommerland. Pommerland ist abgebrannt. Maikäfer flieg!“

Der  schon erwähnte Pfarrer Alois Lehner  war nicht nur mein von Gott  gesandter  und vom Bischof Michael Buchberger von Regensburg zugedachter  Seelenhirte, sondern wegen meines Ministrantendienstes so zu sagen auch  mein Arbeitgeber und Dienstherr. Wenn es schon so war, handelte ich  (bestimmt auch die meisten anderen Ministranten!) eingedenk einer allseits geübten Gepflogenheit: „Komme nicht zum Fürst,  wenn du nicht gerufen wirst.!“ Man muss wissen, dass man als Schulkind dem Pfarrer überall, wo man ihn antraf, die Hand geben musste., sogar küssen hätte man diese Hand müssen. Außerdem hätte man einen Knicks machen sollen und dazu wäre zu sagen gewesen: „Gelobt sei  Jesus Christus.“

Dieser zweckentfremdeten  Küsserei war ich abhold. Wenn es schon nicht erlaubt war  ein Mädchen ohne Sündenangst zu küssen, war mir auch diese lustlose  Knutscherei zu wider. So hielt ich überall und jederzeit die Augen offen und die Ohren steif, ob nicht irgendwo der Pfarrer  lustwandelte oder sonst irgendwie daherkam. Sah ich auch nur seinen Schatten, machte ich mich schnell aus dem Staub

Zur Kirchweih allerdings musste ich im Auftrag meiner frommen Großmutter  in Saalhaupt dem Pfarrer jeweils eine Tasche voll Kücheln bringen, und beim Neujahrsabwünschen gehörte der Pfarrer und seine Fräuleins Schwestern  zur althergebrachten Kundschaft, was man sich wegen des ausbezahlten Obulus einfach abringen musste.

Später hatte ich mit dem Herrn Pfarrer regelmäßig zu tun.  Im Jahre 1948 wagte er mit mir zur Vorbereitung  auf das mir zugedachte „heilige Priesteramt“ die ersten lateinischen Schritte. Nicht nur „Dominus vobiscum – et cum spiritu  tuo!“ – Nein, richtig deklinieren und konjugieren! Da wäre er an mir fast verzweifelt. „ Du wirst nie ein Lateiner“, schnaufte er oft nach vergeblicher Mühe und kärglicher Ausbeute.

Auch ich war oft so verzweifelt, dass ich von der schönen, grünen Samttischdecke, auf der mein  Lateinbuch ruhte , jedes Mal ein paar Holzperlen abbdrehte und in die Hosentasche steckte, bis sie ausschaute wie eine  zerrupfte Henne, die die Maser hat.

Dass es überhaupt zu diesen intensiven Kontakten zwischen mir und Pfarrer Lehner kam, ist mir heute noch ein Rätsel. Hatte man doch von einem solchen Mann Gottes  so hohen Respekt, dass man als Kind glaubte, Gott habe ihn wegen des praktizierten  ledigen Standes so begnadet, dass er gar nicht wie  andere Leute zur Toilette gehen müsse.

Gewiss war in meinem Fall meine Großmutter dahinter. Sie war als Verehrerin des heiligen Franziskus Mitglied des 3. Ordens. Von mir hatte sie keine so exzellente Meinung.  Zu mir sagte sie als biedere und bestimmt Zweilfel  wegen meiner Umtriebe hegende   Bauersfrau gelegentlich: „Du taugst zu nichts als zum Studieren! Aber wenn du Pfarrer werden tätst, tät ich im Monat 20 Mark dazu zahlen!“

Wie schon angedeutet, hatte ich anfangs für die Bekanntschaft  und Beziehung  in geistigen und geistlichen  Belangen keinen besonderen Gusto. Aber der Pfarrer trug seine Absicht, mich zu einem Berufskollegen zu formen, bestimmt schon lange in Petto. So übernahm er später ein Jahr lang die Zahlung von monatlich 30 DM an die Spätberufenenschule Hirschberg bei Weilheim, um meinen Vater zu entlasten. War dies das Vermächtnis meiner zu diesem Zeitpunkt schon verstorbenen Großmutter?- Jetzt sind sie beide schon im Himmel, und ich hoffe, dass sie das Geld nachträglich nicht reut.

 

Zu dieser Geschichte trieb mich ein sehr ernstes Problem an . Das religiöse und pfarrliche Leben in Bad Abbach hat sich seit meiner Buben- und Jugendzeit grundlegend geändert. In die Gottesdienste kommen Kinder und Jugendliche nur mehr sehr sporadisch. Auch an Erwachsenen mangelt es gewaltig.
Nun fiel der Entschluss, die Pfarrkirche auf dem Berg nur mehr in Ausnahmefällen zu gottesdienstlichen Verrichtungen zu öffnen, aber sonst zuzusperren. 150 Besucher müssten für eine Feier des Gottesdienstes  dort mindestens anwesend sein! Das ist ein schwerer Schlag gegen den Verein „Freunde der Pfarrkirche“, die sich in den vergangenen Jahrzehnten und Jahren den Zustand der Kirche eine Stange Geld kosten  ließen und für ihr Outfit ihr Herzblut einsetzten.

Schade, schade! Wieder ist ein bestes Stück der Abbacher Tradition die Donau hinuntergesegelt!