Kleine Genüsse an der Rationierung durch Lebenmittelkarten vorbei (1940 – 1950)

Die Zeit, in der ich aufwuchs, darf man mit Fug und Recht spartanisch nennen! Trotzdem entwickelten sich, wie vermutlich bei allen Zeitgenossen, in mir  ein paar epikuräische Züge. Damit bewahrheitet sich  eine  pädagogische Binsenweisheit, dass der Mensch ein Produkt seiner Anlagen und der Einflüsse seiner prägenden Umwelt ist.

Tabak, Zigarren und Zigaretten waren nur gegen Lebensmittelkarten erhältlich. Dieser Mangel war für manchen Erwachsenen  eine schwere Bürde. Sie halfen sich  vielfach durch  Ersatzmittel, „Frühdrusch“ genannt, aus der Klemme. Man zog sich, so man einen Garten besaß, seinen  eigenen  Bedarf heran, den man nach guter Lagerung und Trocknung durch aromatische Beigaben nach Gusto veredelte.

Auch wir Halbwüchsigen,  es gab die Wortschöpfungen Teenies oder Kids noch nicht, wagten erste nikotinische Experimente. Wir bedienten uns der „Judenstricke“, die es in unserer Gegend auch heute noch haufenweise gibt. Es handelt sich um ein Schlingengewächs, das die höchsten Bäume umwuchert wie die Schlange den Laokoon. Das Gewächs variiert in der Dicke von einer Stricknadel, von einem Finger  oder einem Schaufelstiel. Reichlich mit diesem Angebot der Natur ausgerüstet schlichen wir uns unbemerkt einmal in das Experimentierlokal, meistens in  Gruppenstärke.

Einmal war es der Fremdenstall einer Gastwirtschaft im Markte. Wir bedachten nicht, dass dort  haufenweise Stroh zum Einstreuen für  Pferde durchreisender Gäste herumlag. Aber immerhin leistete uns dieses bei dem beabsichtigten Versuch  vermeintlich wirksame Hilfe: Wir entfachten mit einem  Strohbündel in einer Ecke ein Feuerchen, in dem wir den Glimmstengel zum Glühen bringen wollten. Mit Streichhölzern allein war es nicht zu schaffen.

Bevor wir aus dem Versteck verdufteten, drückten wir das Feuer aus. Gegen Abend  plagte jedoch die Raucherrunde  ein furchtbar schlechtes Gewissen. Musste die Feuerwehr wegen uns ausrücken, oder hat ein späterer Besucher  unachtsam mit offenem Licht, einer defekten Laterne  oder mit einer Zigarette hantiert?  Die Elektrizität hatte ihren Siegeszug noch nicht in alle Winkel  genommen. Diese Frage ist bis heute nicht geklärt, weil wir verständlicherweise nicht danach fragten.

Aus diesem Vorfall habe ich für mein Leben viel gelernt. Der Grieche Euklid nennt das Feuer „das Beste“. Auch in Homers Ilias oder Odyssee, ein Altphilologe möge mir helfen, hat es die gleiche Bedeutung. „To ariston  to pyr (gr.)  “! stand da. einmal, und ich sollte übersetzen . Ich entschied mich  zum Entsetzen meines Griechischlehrers zu  „Das Bier ist das Beste“. So tiefgreifend nistete sich meine  damalige Angst vor offenem Feuer in meiner Bubenseele ein, dass mich das Wort Feuer sogar im Unterricht zurückschrecken ließ.

1945, nach dem 1. Weltkrieg, wurden die amerikanischen Besatzungssoldaten von der Heimat reichlich mit Zigaretten versorgt. „Camel“, „Lucky Strike“,  „Chesterfield” u.a. hießen die Sorten. Die Amis rauchten gewohnheitsmäßig  die Zigaretten nur bis zur Hälfte ab. Den Rest, „Kippen“ genannt , knipsten sie mit einem Daumenkick auf die Straße.

Sobald wir Buben einen rauchenden GI daherschlendern sahen, schlichen wir ihm nach, warteten auf den Augenblick des  Kicks, stürzten uns unter dem Vorwand einer bodennahen Verrichtung auf den noch glimmenden Rest. Diesen rauchte man dann auf einer „Zigarettenspitze“ gleich zu Ende oder sammelte den Tabak  für ein späteres Smoke-in mit einigen Freunden.

Auch bei einem solchen Anlass machte ich eine ungute Bekanntschaft mit dem Feuer. Für diesen Ritus gab es verschiedene Instrumente, „Koksofen“ genannt, die sich die Beteiligten nach je eigener Kunstfertigkeit aus Blech, Holz oder Ton formten. Ich glaubte mit dem hohlen Griff eines alten Regenschirms einen besonderen Wurf getan zu haben. Wie ich aber das Zündholz betätigte, entwickelte sich der Pfeifenkopf zu einer mächtigen Fackel, die mir fast die Finger und den Mund verbrannte. Der  Griff war, was ich nicht bedacht hatte, aus Kautschuk.

Glücklicherweise  hatte einige Jahre vorher die Reichsregierung angeordnet, dass wegen der Brandbomben der Feinde  auf allen Speichern des Reiches  neben dem Kamin  Behälter mit Sand und Wasser zu stehen hätten, mit deren Hilfe man alle Brände sofort nach deren Entdeckung im Keim ersticken könnte.

Gut exerziert, wie ich war, erinnerte ich mich in der Stunde der Gefahr dieser Wasserstelle wie einer Oase in der Wüste. Es war glücklicher Weise keine Fata Morgana - der Hausherr hatte  nach dem Krieg nicht gleich sauber aufgeräumt - und so kam auch dieses Wasser noch zu Ehren.

Meine Mutter war eine Meisterin im Horten und Hamstern von  Genießbarem für ihre Familie.  Gegen Ende des „Dritten Reiches“, als man den Ami oder Tomi schon nahe fühlte, füllte sie die verfügbaren Bier- oder Limoflaschen mit eingekochtem Holler oder Schwarzbeeren ( hochd. Heidelbeeren). Man wusste ja nie, was uns bevorstand. „Sicher ist sicher“, dachte sie, und so wuchs der Vorrat beträchtlich. Beim Einmarsch der Amerikaner befanden sich in einer Kiste  mindestens 30 Flaschen.

 Als wir die Wohnung verlassen mussten, lud Mama unsere Betten, darunter die auf diese Weise gut verborgene Kiste, auf einen Schubkarren, beförderte sie durch  alle Notunterkünfte, bis wir wieder in unsere Wohnung zurück durften.  Auf diese Weise blieb der Schatz, der das Überleben sichern sollte, vor Diebstahl bewahrt.

Die Rettung war schon einer besonderen Feier wert! An einem  Freitag opferte Mama zu einer Mehlspeise eine Hollerflasche.  Aber ich sollte sie öffnen, weil das Männersache sei. Es muss eine göttliche Eingebung gewesen sein, der ich mit der Flasche in den Abort folgte. Wie ich nämlich den Verschluss kippte, tat es einen ohrenbetäubenden Knall, wie aus einer Fontäne  erhob sich das Hollerkompott aus dem engen Flaschenhals und entfaltete sich in einer dichten Wolke. Ich und der Abort waren in Sekundenschnelle nicht mehr zu erkennen.

Meine Schwester bog sich vor Lachen. Meine Mutter aber  hegte den begründeten Verdacht, dass sie in den restlichen Flaschen eine Zeitbombe beherbergte.