Johann Seidl – ein Mann, der das „Heil“ des „1000 jährigen Reiches“ über Abbach bringen wollte

Johann Seidl war eine der profiliertesten Persönlichkeiten in Abbach des „Dritten Reiches“.

Weil er hier am Ort, und auch darüber hinaus, in seinen politischen Positionen und als Bezirksbauernführer großen Einfluss ausüben konnte, ist Vieles, was ich  aus dieser Zeit berichtete, im Lichte seines Wollens und Wirkens zu sehen. Schon ab 1935 wurde er neben dem Ortsgruppenleiter der NSDAP und Bürgermeister Georg Frank zum 1. Beigeordneten bestimmt. 1942 löste er als oberster NSDAP-Mann Georg Frank ab.

 

Johann Seidl wurde am 16.12.1880 in Unterbierwang, Gemeinde Grünthal, Kreis Wasserburg geboren. Er war Mitglied der katholischen Kirche und von Haus aus sehr religiös. Durch die evangelische Heirat in die Familie Oppel hinein wurde er bei den Katholischen irregulär, woran er im Alter sehr litt. Er stammte nämlich aus einem katholischen Bauernhof und hatte fünf Brüder und eine Schwester. Die Eltern hießen Jakob und Katharina Seidl. Die Verwandtschaft, die im nahen Umfeld lebte, war sehr umfangreich. 

1907 befand sich Johann Seidl zum ersten Male in Weichs bei Abbach  und hatte daran Gefallen gefunden. Es zog ihn dann aber als Verwalter nach Ziegelfeld, einem Nachbardorf von Gossenberg im Coburger Land in Oberfranken.  Dort lernte er Frieda Oppel, die Stiefschwester des Ernst und Eduard Schulz kennen und lieben, und sie besiegelten ihren Bund mit dem Abschluss der  Ehe, die jedoch kinderlos blieb.

Einer seiner Brüder, Alois Seidl, ließ sich ebenfalls in Bad Abbach nieder und lebte dort bis zu seinem Tode. Ihm und seiner Frau Therese gehörte das Anwesen in der heutigen Frauenbrünnlstraße, neben dem damaligen katholischen Kindergartren des Nikolausvereins. Er und  seine Familie mit den zwei Kindern Resi und Reinhold hatten sich in Bad Abbach gut eingelebt.

Weitere genealogische Daten zu Johann Seidl waren  nur durch umfangreiche Matrikelarbeiten in seiner  Heimat  Unterbierwang, bzw. Grünthal  zu erhalten, spielen aber hier keine Rolle mehr. Aus seinem Geschwisterkreis stand zum Zeitpunkt meiner Recherchen kein Lebender mehr zu Befragungen zur Verfügung .

Johann Seidl mit Frau Frieda und Ernst Schulz, der Schwager, zogen dann zunächst als Pächter, zusammen mit der Mutter Berta Oppel, in das Gut Weichs, das damals Hermann

Fiedler, dem Blechgroßhändler aus Regensburg Stadtamhof, gehörte.

Es scheint im Zusammenleben der Genannten Schwierigkeiten gegeben zu haben, denn aus einem Schreiben an den neuen Bürgermeister Meindl mit dem Betreff „Ausscheidung aus dem Gemeinderat“ - leider ohne Datumsangabe - es muss sich aber um das Jahr 1925/ 26 gehandelt haben, als  Johann  Seidl für die Liste „Wirtschaftliche Vereinigung“ im Gemeinderat saß - ist Folgendes zu erfahren:

„Dem verehrlichen Gemeinderat zur gefl. Kenntnisnahme, dass ich, infolge meines Wegzuges von Weichs, aus dem Gemeinderat ausscheide und laut  damaliger Vereinbarung  unseres Wahlvorschlages  als Landwirtsvertreter  des Großgrundbesitzes  für mich Dr. Frank ( Dr.?, A.d.V.) nachrücken dürfte.

Johann Seidl, Gutsbesitzer und  erster  Vertrauensmann des Wirtschaftlichen Wahlvorschlags.“

Johann Seidl war, wie ich aus eigener Bekanntschaft weiß  (um 1960 begleitete ich ihn als Diakon einige Male auf seinem täglichen Weg nach Frauenbrünnl), im praktischen Lebensvollzug und in seinen Zielsetzungen  ein Anhänger avantgardistischer Ideen.

Einmal war ich als neugeweihter Priester in seine Altenstube eingeladen.

Seidls Leitbilder waren, weil er angeblich auch selbst von Grund auf so dachte und fühlte, und seine Lehrer ihn so führten, Vorstellungen der pädagogischen Reformbewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts, der sog. Kulturpädagogik, unter ihnen vor allem die Ideen des Eduard Spranger.
So war er von dessen grundlegendem vaterländischen Heimatbegriff durchdrungen, der dem Boden wie dem Blut  der auf ihm lebenden Menschen  eine fast mythische Bedeutung zumaß.

So stand er von vorne herein den Ideen sehr nahe, die später dem Nationalsozialismus eigen waren.

Für Hans Seidl war „ (.) „Heimat“ der Boden, in dem unser Leben, besonders unsere Kindheit und Jugend, Wurzeln geschlagen hat. Das ist nicht bloß der Ort, an dem wir geboren sind, auch nicht notwendig der Ort, an dem wir unsere Jugend verbrachten. Fern von beiden Orten  kann man eine sog. Wahl-Heimat gewinnen. Heimat ist innere Verbundenheit des Menschen  mit seiner Umgebung, seiner Familie und Lebensgemeinschaft, seiner Landschaft, seinem Stammes- und Volkstum, ist „geistiges Wurzelgefühl“.“[1]

Die Denkweisen von Johann Seidl entwickelten sich von sozial, katholisch, patriotisch, vaterländisch, völkisch, national, bis sie schließlich, der allgemeinen Tendenz folgend, nationalsozialistisch entglitten.

Ab da waren sein inneres wie äußeres absolutes Gesetz  Befehl und Gehorsam. Ein Ausdruck dessen war z.B. seine Haltung bei der Auflösung des katholischen Kindergartens in Bad Abbach, die er betrieb. Dazu erfahren wir aus einem Brief des Pfarrers Alois Lehner an den Herrn Ortsgruppenleiter Seidl, Weichs: „(...) Bin in der gleichen Lage, wie Sie mir heute erklärten, dass ich die Weisungen meiner vorgesetzten Behörde vollziehen muss.“[2]

Aus seiner Blut- und Bodenideologie war es  konsequent, dass er dem Bauern, der so sehr von seinem Grund und Boden geprägt ist, einen sog. „Bauernadel“ zumaß.

Es  ist mir im Pfarrarchiv von Bad Abbach ein Brief des Pfarrers Hiendlmeier von Poikam, auf ein  Schreiben Seidls Bezug nehmend, untergekommen, das die  Bitte enthielt, der Pfarrer möge in der Familie Kraml in Eiglstetten ein Bauerngeschlecht genau untersuchen und namhaft machen, dem dieser Adel zugemessen werden müsse.

Der Pfarrer entsprach seiner Bitte, und Johann Seidl leitete die Unterlagen an die Kreisbauernkammer in Regensburg weiter.[3]

Die beabsichtigte Ehrung erfolgte erst nach dem Krieg mit einer entsprechenden Urkunde vom 1. Januar 1952.

Johann Seidl war ein Mann mit effektiven und registrierbaren Gegensätzen in seinem Herzen, wie es sich besonders bei seinen gemeindlichen und öffentlichen Anstrengungen immer wieder zeigte: Wie es befohlen war, wirkte er bei der Beseitigung der  Wandkreuze aus der Schule und aus öffentlichen Räumen mit.

Ab 1942 schwang er, wie ich mich selbst erinnere, weil ich als Hitlerjunge wider Willen an den Appellen teilnehmen musste, am 9. November, dem Heldengedenktag, in Uniform markante  Ansprachen am Kriegerdenkmal, das  damals jenseits des Rathauses an der damaligen Augsburgerstraße stand. Er erinnerte an den heldenhaften Tod der Kämpfer für Adolf Hitler am 9. November 1923 bei der Feldherrnhalle in München, als der Hitlerputsch von der bayerischen Polizei niedergeschlagen wurde, was in seinen Augen natürlich ein Verbrechen war.

Abbacher Zeitgenossen wussten angeblich, dass er selbst mit einem Abbacher Gesinnungsgenossen an dem Ereignis in München teilgenommen hätte, was die legendären „familiären Beziehungen“ des Ritter von Epp, des späteren Reichsstatthalters in Bayern, zu Abbach, begründet  hätte. In Geheimbünden oder „Familien“ werden keine Listen geführt, aber solche Bruderschaften sind oft sehr zielführend. Ein Effekt mag gewesen sein, dass die „familiäre Beziehung“ zur schnellen Verleihung des Titels „Bad Abbach“ am 7.3.1934 führte, den man vorher 10 Jahre lang vergeblich angestrebt hatte. Ritter von Epp ist Ehrenbürger von Bad Abbach.

Und nun eine andere Seite des Johann Seidl:

Im Jahr äußerster sozialer Not 1923, als weite Bevölkerungskreise hungerten, stellte er  als Gutsbesitzer Milch[4], wenigstens für Babies, und Kartoffeln[5] für die Erwachsenen in großer Menge (200 Ztr.!) unentgeltlich  zur Verfügung. 1922  hatte er eben erst als  2. Bürgermeister kandidiert, kam jedoch nicht  zum Zuge, blieb aber Gemeinderat. Er finanzierte den Bau der Straße nach Peising. Im Jahre 1918, vor Übergang des Gutes Weichs auf ihn und den Schwager Ernst Schulz ließen sie für sich von der Gemeinde ein Leumundszeugnis ausstellen, worin gegen beide keinerlei Bedenken angeführt wurden.[6]

Weiteres über Johann  Seidl ist in Statistiken  über  „politische  Karieren“ zu berichten 1919 war Johann Seidl  Mitglied des Gemeindeausschusses. Am 11.6.1922 kandidierte er als 2. Bürgermeister von Abbach, erhielt 23 Stimmen der der Ausschussmitglieder, was nicht genügte. (Weitere Kandidaten: Josef Aumeier, Landwirt, Dr. Schmitz, Arzt, Maximilian Hengge, Apotheker. Dr. Schmitz wurde 2. Bgm.). Am 7.12.1924 wurde er  Gemeinderat (15. Platz von 22) auf der Liste  „Wirtschaftliche Vereinigung“. 

Am 9.12.1929  wurde er Gemeinderat  (2. Stelle von 20) auf der Liste „Fortschritt“.

Am 22.4.1933 behauptete sich Johann Seidl als Gemeinderat (3. Stelle  von 21) auf der Liste  „Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartrei NSDAP“/ „Kampffront schwarz-weiß-rot“, „Bauernbund“.

Am 7.3.1942 wurde Johann Seidl Ortsgruppenleiter der NSDAP (nach  Georg Frank).[7]

Die letztgenannte Position brachte Johann Seidl und das ganze Gut Weichs nach Kriegsende 1945, als das sog. 3. Reich  zu Ende war (8. Mai) , in arge Bedrängnis:

Zum Verständnis der Weichser Misere geht es nicht ohne Einsicht in den Spruchkammerbescheid vom 7.10.1947.[8]

Der öffentliche Kläger der Spruchkammer Kelheim hatte Johann Seidl, Gut Weichs/Bad Abbach, in die Belastetengruppe II. eingereiht. Seidls Vertreter  war Rechtsanwalt A. Kölbig von Abensberg, der Vorsitzende der Spruchkammer Alfons Gottwald.

Aus diesem Bescheid erfahren wir, dass Johann Seidl vom  29.4.1945 bis 31.3.1947, fast zwei Jahre lang, in Moosburg in Internierungshaft gelegen hatte.

Er wurde also gleich nach den Kämpfen um Abbach, noch vor Kriegsende, im April 1945, in das Lager Moosburg gesperrt. Das Leben dort war eine harte Strafe für die frühere Position.

Ich kenne den Bericht von Martin Petschko, damals Gastwirtssohn und später selbst Gastwirt, dass er seinerzeit als Jugendlicher mehrmals mit dem Fahrrad nach Moosburg geschickt wurde, um dem Inhaftierten Johann Seidl ein „Fresspaket“ über den Zaun zu werfen, das ihn am Leben erhielt. Seidl sei so ausgehungert und ausgemergelt gewesen, dass er die Zeit in Moosburg ohne Hilfe aus der Heimat nicht überlebt hätte.[9]

Die Zeit der Abwesenheit Johann Seidls vom Hof in der Heimat war für den Betrieb und die beteiligten Personen eine starke Belastung.

Kommen wir aber zum Spruch der Entnazifizierungskammer  von 1947, zwei Jahre nach Gefangennahme zurück:

1. „Der Betroffene ist minderbelastet Art. 11/I.

Die Bewährungsfrist beträgt 3 Jahre. Die Internierungshaft (...) wird mit 23 Monaten in Anrechnung gebracht.[10]

2. Es ist ihm während der Dauer der Bewährung untersagt:

a) ein Unternehmen  als Inhaber, Gesellschafter, Vorstandsmitglied oder Geschäftsführer zu leiten oder ein Unternehmen  zu beaufsichtigen oder zu kontrollieren, ein Unternehmen oder eine Beteiligung daran ganz oder teilweise zu erwerben,

b) in nicht selbständiger Stellung anders  als in gewöhnlicher Arbeit beschäftigt zu sein,

c) als Lehrer, Prediger, Redakteur, Schriftsteller oder Rundfunk Kommentator tätig zu sein.

Als Unternehmen im Sinne des Abs. Ia. U.II dieses Art. gelten nicht Kleinbetriebe, insbesondere Handwerksbetriebe, Einzelhandelsgeschäfte, Bauernhöfe u. dergleichen  mit weniger als 10 Arbeitnehmern.

3. RM 4000.- sind zu einem Wiedergutmachungsfond zu entrichten. Im Nichteinbringungsfalle tritt  anstelle von 25.- eine Arbeitsleistung  von einem Tag. Der Betroffene trägt die Kosten des Verfahrens. Streitwert 3818.“

Auf dem Hof in Weichs standen nach der ganzen Affäre dem jetzigen Abbacher Bürgermeister Mittermeier  nun Schwager  Ernst Schulz, auch belastet, Johann Seidls Ehefrau Frieda und endlich  der Adoptivsohn Arno Seidl-Schulz  als Adressaten und Vollzugspersonen treuhänderisch gegenüber.

Arno war 1946 nach schwerer Verwundung  aus französischer Kriegsgefangenschaft  nach Gut Weichs zurückgekehrt. Da er politisch nicht belastet war, konnte er seinem Onkel  Johann Seidl treuhänderisch zur Seite stehen.“

 

Johann Seidl starb am 15.05.1965 und ist, wie sein Schwager Ernst Schulz (+ 5.10.1969), in der Familiengruft auf dem Bergfriedhof in Bad Abbach bestattet.

 

NB. An dieser Stelle besteht Veranlassung,  festzustellen, dass Georg Frank, Distrikttierarzt und ab 1933 – 1945, die ganze Nazizeit über Bürgermeister in Bad Abbach, den akademischen Titel eines Doktors (DR.) nie erwarb.

Nach damaliger Gepflogenheit wurde ein prakt. Arzt, Zahnarzt oder Dentist wie Tierarzt von den Leuten eben als „Herr Doktor“ angesprochen. Auch Frank nannten die Leute in Abbach dementsprechend halt so, weil sie nichts anderes wussten. Sogar in den Schriften und Adressen des Heimatvereins, Schützenvereins  und der Liedertafel  ist er nach dem Krieg überall als Dr. Frank  aufgeführt. Er selbst hat jedoch nie  als Dr. Frank unterschrieben, auch nicht in amtl. Schreiben der Gemeinde, wohl eingedenk, dass er den Titel nie zu Recht besaß.



[1] Spranger, Eduard. In: Der große Herder, 1933, Bd. 5, Sp. 1433.

 

[2] Brief des Pfarrers Alois Lehner an den Ortsgruppemnleiter Seidl. 7.3.1942. Archiv 7.2.1.a.

 

[3] Brief des Pfarrers Hiendlmeier, Poikam an den Gutsbesitzer  Seidl in Weichs v. 5.9.1934

 Pfarrarchiv Bad Abbach , Schrank III, 11. Varia, Sache Eiglstetten.

 

[4] Ratsprotokoll vom 31.Mai 1923, 1. Archiv  8.6.1.a.

 

[5] Ratsprotokoll  vom 21. Nov. 1920, V. Archiv 8.6.1.a.

 

[6] Gebührenregister pro 1918 . Verifikationen. XXII.14.5.3.a.

 

[7] Akt Kindergarten / Nikolausverein. Archiv 7.2.1.a.a.

 

[8] Spruchkammerbescheid vom 7.10., 20.10., 24.11. 1947. Archiv V.19.5.3.a.

 

[9] Persönliches Gespräch mit Martin Petschko um 2000 bei einem Treffen in Frauenbrünnl.

 

[10] Nach Zusatzbescheid vom 24.11.1947 blieb noch eine Bewährungsfrist von ½ Jahr abzuleisten.