Im Rausch der Geschwindigkeit - Kindliches Ernstspiel in Bad Abbach vor und nach dem zweiten Weltkrieg (Teil 2)

Die Nation ist beeindruckt von der Leistung eines Automobilrennfahrers in der Formel 1. Von der Leistung  eines  Sebastian Vettel aus dem Red Bull Rennstall zum Beispiel. Man scheut sich vor dem Vergleich mit dem Blitz, aber doch gibt es ähnliche Assoziationen.

Wir Älteren sind vom Fortschritt der Technik  besonders beeindruckt, weil wir aus einer Welt kommen, wo der Ausdruck „mit 100 Sachen“ noch den Inbegriff der Höchstgeschwindigkeit darstellte.

Die heutige junge Generation kann sich das vermutlich  nicht vorstellen, dass die Zeit gar nicht so weit zurückliegt, in der die zitierte Vorstellung galt. Um 1937 gab es in Bad Abbach höchstens fünf Automobile. Das waren die KfZ- Händler Hagl und Kötterl, der Landarzt Dr. Franz Schmitz, der Fahrgast-Unternehmer und Gastwirt Petschko und ein zweiter  ortsansässiger Arzt. Hans Englmann, sen.war Lastwagenbesitzer. Er baute sein Lastauto noch während des Krieges für den Antrieb mit dem Holzvergaser um und musste ihn nicht für den Kriegseinsatz abliefern, weil er für die Versorgung der Bevölkerung mit Holz und Kohlen und für den Milchtransport von den Bauern zum Milchwerk in Regensburg  unverzichtbar war.

Es ging auf den Innerortsstraßen von Bad Abbach nicht wie heute auf der Raiffeisen- oder Kühbergstraße zu. Es kam bis nach dem Krieg höchstens jede Stunde einmal ein Auto vorbei , und dieses brachte es bei Gott nicht auf 100 km/h. Und nur die ganz großen Bauern besaßen einen Bulldog. Das war der ganze Stand der Motorisierung.

Vor diesem Hintergrund waren wir damals drei rührige Altersgenossen, Hans, Albert und ich. Der 1500-köpfigen Einwohnerschaft waren wir wegen unserer „Kreativität“ allseits bekannt. Wir hielten es für ein Geschenk des Himmels, als uns der Vater von Albert mit dem Leiterwagen nach Graßlfing schickte, um bei Gradl ein Paar Spanferkel zur Aufzucht zu holen. Man muss wissen, dass sich viele Hausherren, sofern sich dafür Platz fand, zur besseren Versorgung der Familie mit Fleisch und Wurst ein oder zwei Schweine hielten.

 

 

Der verfügbare Leiterwagen war kräftig und etwa zwei Meter lang. Er besaß eine stramme Deichsel. Ein schwerer Saugatter fand auf dem Wagen bequem seinen Platz. In Betracht der geographischen Lage und bei der Beschaffenheit des Fahrzeugs erwachte bei uns drei Mutigen sofort der Traum von den hundert Sachen.

Wir hatten ganz schön zu schnaufen, bis wir das Gefährt mit dem schweren Vieh-Transportkasten über den Krankenhausberg (16 %) und die Graßlfinger Höhe  in Richtung Regensburg hinaufbrachten. Da musste nach unserer Meinung  hernach schon auch etwas  zu unserem Vergnügen herausspringen, wenn man sich einer solchen Strapaze unterzog. Die Geschichte hatte ja auch eine Kehrseite: Wo es jetzt steil hinaufging, ging es nachher auch steil hinunter.

Das Ferkelpaar holten wir bei Gradl, den Großeltern von Hans. Ich erinnere mich noch genau, es gab zu Mittag Kartoffel – oder Pröselschmarrn zur Stärkung. Ich erwischte ein Salzbrosel, das sich bei der Zubereitung offenbar nicht ganz aufgelöst hatte. Weil es mich zum Speien reizte, schob ich den Schmarrn in eine Mundbacke  und trieb vehement zum Aufbruch.

Die liebwerten Schweinchen wurden in das Gatter  gesteckt. Gesund schauten sie aus dem frischen Stroh und fröhlich grunsten sie uns zu. Wir Drei legten uns sogleich kräftig in die Riemen, denn das ersehnte Vergnügen stand unmittelbar bevor.

Was mich betraf: Zuerst den Salzplopp ausgespuckt, dann  kräftig die Hände gerieben und zum Schieben die Ärmel hochgekrempelt. Den kurzen Anstieg in Richtung Heimat hatten wir schnell geschafft. An der Grenze zwischen der Oberpfalz und Niederbayern, die durch einen mächtigen Meilenstein gekennzeichnet war, nahmen wir wie eine Bob-Besatzung  unsere Plätze ein. Albert, dessen Vater der Leiterwagen gehörte, war folgerichtig Steuermann an der Deichsel. Diese musste er mit den Beinen bedienen. Hans hielt den Gatter fest mit den Händen. Er war für die Sicherheit der Ferkel zuständig, weil sie  ja von seinen Großeltern stammten. Ich saß hinten und schaute bergwärts. Ich sollte nötigen Falls mit den Füßen bremsen, die ich auf der Straße gleiten ließ.

Als aber das Fahrzeug mit seinen eisenbereiften  Holzrädern erst einmal richtig in Fahrt gekommen war, flitze es mit Furcht erregendem Holtergepolter  über den Schotter talwärts. Da versagte meine Bremskraft, und wir erreichten die oben erwähnten 100 Sachen,  dass uns der Fahrtwind  fast vom Wagen fegte. Mit Bremsen ging da nichts mehr, und die Ferkel ahnten nichts Gutes.

Bei Bufler an der Kurve war Albert an der Deichsel einfach überfordert. Der Leiterwagen krachte in den dort befindlichen Graben. Das Saugatter machte sich selbständig und stülpte sich über die Böschung. Der Wagen war zu Bruch gegangen. Wir drei Piloten lagen als Opfer des Rennversuchs im Graben. Jeder hatte seine eigenen Schrammen.

Das wäre nicht so schlimm gewesen, aber was war mit den Ferkeln? Bestimmt erging es ihnen nicht gut, denn sie erreichten das Erwachsenenalter nicht mehr. Sie mussten notgeschlachtet werden. Der Kaufpreis  war jedoch nicht ganz in den Wind geschrieben, weil es  bei Albert, dessen Vater Metzger war, dem Hören-Sagen nach ein paar Mal Ferkelbraten gab.

Wir Drei erlangten im ganzen Markt zweifelhaften Ruhm. Wer sonst als wir hätte die Vorstellung von 100 Sachen realisiert? Mit Blick auf die Ferkel zog ich später für mein Leben den Schluss, dass nicht jedes Schwein ein Glücksschwein ist.