Die Zeiten, als ein Menschenleben nicht viel wert war

Die ethischen Werte der Menschen wandeln sich mit den Zeiten. „Tempora mutantur, nos et mutamur in illis! », so hieß es schon bei den Lateinern - So  müssen wir einfach zur Kenntnis nehmen, ob uns das gefällt oder nicht, dass sogar   das  Verständnis von Ehe und Familie, ja die Auffassung  vom Wert und den Aufgaben der Menschen, zeitbedingten Wandlungen unterworfen sind. Manche Wandlungen sind notwendig und berechtigt, manche aber sind verwerflich.

In der Nazizeit, die ich erlebte (1933 – 45), richtete sich der Wert des Menschen allgemein nach seiner Produktivität und seiner Akzeptanz in der  politisch rechts gerichteten Gesellschaft. Der Wert der Frau wuchs zusätzlich mit ihrer Fähigkeit und Bereitschaft zur Reproduktivität. „Dem Führer ein Kind schenken“, war eine bekannte Rede. Der Führer benötigte Kanonenfutter für den Endsieg. Der Wert des Mannes richtete sich nach dem Maß seiner Wehrhaftigkeit „Dulce et decorum pro patria mori“, „süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben“, was zuletzt aber keiner mehr glaubte.

Die speziell christlichen Werte, besonders die Feindesliebe, verdampften  im Getümmel der politischen und militärischen Leidenschaften. Den Feind musste man liquidieren. Der einzelne Mensch, das Individuum an sich,  das hinter dem Kollektiv „Feind“ stand,  verlor seine Existenzberechtigung.

So kam es in der Zeit, von der ich berichte, zu „Kollateralschäden“ , für die man sich „kein Gewissen  machen“ musste. So auch in Abbach.

Ich habe im „Online-Lesebuch“ ( Nr.86) von der Erhängung eines  polnischen Zwangsarbeiters in einem Handwerksbetrieb hier am Ort berichtet. Der Mann hieß Felix Haberko. Er war 32 Jahre alt. Er soll sich an zwei  deutsche Mädchen herangemacht haben. Die Gestapo (= Geheime Staatspolizei) entzog die Sache einem ordentlichen Gericht, vor dem er sich hätte rechtfertigen  können. Ideologiegetreu machte sie kurzen Prozess durch Erhängen im Seidl-Steinbruch. Seine Eltern Wizenty und Marianna Haberko in  Wolkorn / Polen mussten es nicht mehr erfahren, wie der Sohn vor die Hunde ging, weil sie beide   schon verstorben waren.[1]

War es auch bei Sydor Wotoszyn so? Es scherte sich keiner darum. Er  war ein ukrainischer Landarbeiter, Volkstumspole; und er war  zwangsmäßig bei einem Guts-Pächter in Gemling beschäftigt. Er war am 17. Februar 1920 in Mosciska / Polen geboren. Welche Gründe trieben den 23 Jährigen, in Gemling abzuhauen? Es ist nicht berichtet. Auf der Flucht stellte ihn ein Abbacher Polizist (Name dem Verfasser bekannt) auf der Straße nach Oberndorf . Als der „Häftling“ (Flüchtling)  sein Heil durch einen  Sprung in die Donau suchte, ermordete ihn der Gendarmeriebeamte beim Schwimmen über die Donau mit einem gezielten Schuss aus der Pistole.. Es war der 1. September 1943, als er Arme von der Bildfläche verschwand. Fünf Tage später, am 5. September 1943, 14.00 Uhr, wurde er am linken Donauufer bei Kilometer 2397 tot aufgefunden.

Bürgermeister Albert Lehner meldete den grausigen Fund am 5. Oktober 1943 an die Kreisbehörde, der Landrat genehmigte am 2. Dezember die Eintragung im Sterbebuch von Oberndorf, was Bürgermeister Lehner am 31. Dezember in Unkenntnis näherer Fakten zu Person und Umständen  der Hinrichtung vollzog.[2]

Doch mit der Kapitulation am 8. Mai 1945 war noch nicht Schluss mit der Willkür gegen das menschliche Leben! Waren es bisher die verdammten Nazischergen, die gewissenlos hinrichteten und mordeten, vollzogen dieses „Recht“ hernach die Befreier. Die Angst vor den Russen war wohlbegründet (Siehe Online-Lesebuch Nr.121 : Flüchtlinge und Vertriebene etc.). Aber die Amerikaner, die uns in Bad Abbach besetzten, waren die nicht anders?

Ich erinnere mich noch genau daran, wie es da G.I. s, gab, die Mitleid zu uns hungernden Kindern hatten und bereitwillig aus ihren Food Paketen austeilten, was sie selbst nicht verbrauchen konnten: Dosenfleisch, Käse, Zwieback, Trockenei und Trockenmilch. Wir Kinder riskierten viel, um an die begehrten Lebensmittel zu kommen. In manchen Fällen, z. B. wenn man einen  geeigneten Tauschartikel hatte (Militaria), gaben die `feindlichen´ Soldaten sogar Zigaretten.

Auch willige Frauen freundeten sich mit Amis an, um an Schokolade, Leckereien oder andere lebensmittel zu kommen. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, es war eine holde Schar aus Abbach geladen , darunter auch einige verheiratete Frauen, die nicht mehr damit rechneten, dass ihr Ehemann vom „Felde der Ehre“ wieder zurückkommt. Beim alten Rathaus mussten solche einmal auf ein offenes Militärfahrzeug aufsteigen, um sich zur Untersuchung zum Gesundheitsamt in  Kelheim karren zu lassen.

Eine übergroße Not an wichtigsten Dingen für das ganz einfache  Leben mag die Schuld solcher Fehltritte mäßigen.

Vielleicht trieb der Hunger, oder auch nur die Neugier, den sieben Jahre alten Schüler Josef Robold aus dem „Geisthaus“ am 30. April 1945  am helllichten Nachmittag (15 Uhr) zum Militärlager an der Donau. Zwischen „Damm“ und „Köttterlbau“ (= Altwasser gegenüber Xaver Kötterl) hatten die Amis ein Zeltlager errichtet.

Der Ami, der gerade Wache schob, musste doch erkannt haben, dass sich da ein Kind näherte. War er besoffen  oder ein Unmensch, wie es solche auch unter den „Befreiern“ gab und gibt ( Siehe Irak, Bagdad, Abu Graib!). Er schoss auf das Kind Josef Robold. Dieses starb an innerer Verblutung in Folge eines Bauch- und Brustdurchschusses. [3]

Bei dem allgemeinen Trubel der ersten Besatzungstage  nahmen diese Tragödie nur wenige von hier zur Kenntnis und zum Anlass, zu protestieren. Stammte das Kind ja so wie so „nur“ aus dem Geisthaus. Hat man an diesen  Tagen doch auch immer wieder einen gefallenen Soldaten in der Flur oder in einem Haus von Abbach gefunden, die man zur Beerdigung auf dem Friedhof  im Leichenhaus bereitlegte.

Fünf von ihnen begruben wir, Pfarrer Alois Lehner, der Jugendliche Alois Müller und ich in einem gemeinsamen Grab hinter der Pfarrkirche. Irgendwelche Leute hatten ihnen vorher alles ausgezogen, was man noch weiterverwerten konnte.

Jahre später wurden die jungen Toten zum Leichenhaus hin umgebettet.

Josef Robold wurde gleich am Leichenhaus, an der Wand zur Kirche hin, beerdigt. Später  legte man seinen Vater, den Hilfsarbeiter Johann Robold und seine Mutter Franziska bei ihm zur letzten Ruhe.



[1] Sterbematrikel Bad Abbach Nr.21 / 1942 v. 16. Oktober 1941. Kopie Archiv Haberko II.18.1.3.a.   

 

[2] Sterbematrikel Oberndorf Nr.11 / 1943 v. 31.Dezember 1943. Kopie Archiv Wotoscyn  s.o.!

 

[3] Sterbematrikel  Bad Abbach Nr. 11/1945 v. 1. Mai 1945. Kopie Archiv Bad Abbach II.18.1.3.a.