Die Sexualpädagogik meiner Kinder- und Jugendzeit ( 1933-1950)

Die angegebene Zeit kann nur insofern gelten, als sie meine persönliche Lebenszeit betrifft. In Wirklichkeit gehen die Wurzeln meiner Erlebnisse und Erfahrungen in der Kinder- und Jugendzeit weit in die  zurückliegenden Jahrhunderte, über 300 Jahre  der katholischen Kirche,  zurück. Ich erinnere an den Namen  Alphons  Maria  v. Liguori (1696 – 1787).  Ich habe während meines Theologiestudiums seine drei Bände  „Homo Apostolicous“ [i],   insbesondere die  Anleitung für Beichtväter im ersten Band,[ii] gelesen. Es ist schon bezeichnend, dass er die Gedanken zum   übrigen Dekalog in seiner Muttersprache Italienisch schrieb; das  sechste Gebot aber behandelte er in lateinischer Sprache. Als Begründung steht in der deutschen Übersetzung von 1854:

„Im italienischen Text gibt der hl. Alphons den Grund an, warum er diesen Abschnitt lateinisch schreiben wolle., nämlich diesen, damit er nicht so leicht von anderen als von Beichtvätern gelesen werde. Aus dem nämlichen Grunde wurde auch hier keine Übersetzung gegeben, sondern der lateinische Text belassen.“[iii]

Die Arbeit sollte also nur  vom sprachkundigen Klerus gelesen werden können, damit ja kein anderer in der Taxierung seiner sexuellen Interessen oder Aktivitäten auf dumme Gedanken komme und seinen Fall nur als „lässliche Sünde“ statt für eine „Todsünde“ halte . Im Text wird jedes Vergehen im 6. Gebot grundsätzlich als Todsünde gewertet. Es heißt dort: Peccatum contra hoc praeceptum est materia maxime  ordinaria in confessionibus, et est vitium, quod replet  infernum  animabus.“[iv] Auf Deutsch: „ Eine Sünde gegen dieses Gebot ist eine entschiedenste bei der Beichte, und es handelt sich um ein Laster, das für die Seelen die Hölle zur Folge hat.“ Und so gaben es die Beichtväter weiter.

Daraus entstand eine Verzerrung des gottgeschenkten Guts der Erotik und Sexualität. Dies sage ich einschränkend, sofern der Mensch mit Rücksicht auf seinen Nächsten bestimmte Schranken einzuhalten bereit ist. Die verflossene Praxis  ist ein Vergehen an der Menschheit, das die kath. Kirche in Ewigkeit nicht mehr gut machen kann. In Puncto Erotik und Sex muss sich die Kirche völlig neu orientieren, nicht in Anpassung an den Zeitgeist.

Die Sexualpädagogik meiner Kinder- und Jugendzeit bestand in Heimlichtuerei, Für-dumm-halten und so gehalten werden, Verlegenheiten, Belügen und Belogenwerden, Sündendrohung und Sündenangst. Die „Sünden“ gegen die Keuschheit  hießen unkeusch denken, wünschen, begehren, sehen, hören, reden, tun (allein oder mit anderen).

Mädchen und Buben zog es trotzdem  unwiderstehlich zueinander. Man frage sich, wer solchen „Unfug“ in ihnen verursacht hat. Es war bestimmt der Teufel ! Wie war bloß Gottes Auftrag keusch zu realisieren : „Wachset und mehret euch!“?

In meiner Erziehung – und ich war da keine Ausnahme – gab es zwischen Männlich und Weiblich fast nur Tabus. Manche Frauen wussten bei der Hochzeit noch nicht, worauf sie sich einließen. Die geringsten Kaliber nannte man Unschamhaftigkeit. Es bleibt mir ein Rätsel, warum die Menschheit noch nicht ausgestorben ist. Schon der Weg in die Ehe war gefahrvoll. Und erst hernach! Bis in unsere Zeit  hätte die Ehe keinen wichtigeren Grund als die Erzeugung und Erziehung von Nachwuchs. Ein untergeordneter Grund sei die gegenseitige Hilfe. Ganz zuletzt komme sie als Heilmittel gegen die (verdammte, A.d.V.) Begierlichkeit[v]in Frage.

Wenn die Erwachsenen von Sex oder irgend was „Anrüchigem“ zwischen Mann und Frau sprachen, hatten sie kein gutes Gewissen. Solche Reden, gar vor Kindern,  hätte man als Verführung eingestuft, von der es in der Bibel heißt: „Wer einem dieser Kleinen, die an mich glauben, Ärgernis gibt,  für den wäre es besser, wenn ihm ein Mühlstein um den Hals gehängt und er in die Tiefe des Meeres versenkt würde.“

Seit den 1980er Jahren wissen wir um die Notwendigkeit der familiärem und schulischen Aufklärung zum Schutz für unsere Kinder und Enkelkinder. Man denke heute  im Frühjahr des Jahres 2010 nur an die vielen,  die Wasser predigen und Wein trinken! Ich denke aber an meine schlichten, rechten Eltern und Großeltern und meine 11 Tanten, die sich bei dem Gedanken an die erwähnte Drohung in der Bibel gefürchtet hätten, mich ordentlich aufzuklären. Sie hätten solche Reden noch als „Saukram“ bezeichnet.

Ich sehe vor meinem geistigen Auge heute noch meine jüngeren Tanten, wie sie mit den Füßen im Saalhaupter Espenweiher planschten, die Köpfe zusammensteckten und sich etwas zutuschelten. Plötzlich wurden sie verlegen und rot im Gesicht, wenn ich hinzukam. Gelegentlich sagten sie dann: „ Pst, die Schindeln sind auf dem Dach!“

So versperrten mir Irrlehren für lange Zeit den Zugang zu dem kleinen Paradies natürlicher  Glückseligkeit.

Im Haus von Großvater und Großmutter  ging es bei 12 Kindern und einem Haufen (meist illegitimer) Enkelkinder eng zu. Aber es galt trotzdem angewandte Schamhaftigkeit. Nur die älteren Tanten hatten ein eigenes Bett. Darum wurde jeweils ein Älterer mit einem Kleinen  in einem  Bett zusammengepackt. Wenn man aus dem Bett nach oben schaute, sah man nur die Dachziegel, die Schindeln und die Dachlatten. Dann kam das mächtige Gebälk. Dies alles war die Spielwiese für meine kindliche Phantasie.

Um 20 Uhr begann immer die Waschzeremonie. Für uns Kleinen stand ein ausgedienter Krautzuber in der „Kuchl“. Jeder wurde täglich hineingestellt, angefangen von den Kleineren zu den Größeren, und jeder wurde von oben bis unter abgeschruppt. Der Zuber war so hoch, dass man nie sehen konnte, was sich im unteren Teil des Betroffenen  befand. Die Älteren waren, wie sich allmählich herausstellte, ausschließlich weiblichen Geschlechts. Sie bekamen nach vollendeter Waschung einen Kleinen huckepack auf den Rücken, und so ging die Post ab in das Bett.

Ich schlief lange Zeit im Bett der Tante Berta. Sie war etwa fünf Jahre älter als ich Heute ist sie schon gottselig. Ich kuschelte mich an sie  und wir wärmten uns gegenseitig in der eiskalten Kammer. Gewiss merkte ich, dass sich Berta in verschiedenen Punkten  von mir unterschied. Sie wurde an manchen Stellen runder und üppiger. Aber sie war von Natur aus ein zierliches  und zartes Persönchen. So fiel die Veränderung nicht so sehr in das Gewicht. Damals war man auch phänotypisch noch nicht so akzelleriert entwickelt wie heute.

Bestimmt hatte Berta schon erotische Interessen und Empfindungen, denn unter verdächtigem Gekicher erzählte sie mir an vielen Abenden  die Geschichte vom „Schurken mit der langen Gurken“. Aber ich war noch so dumm und meinte, es sei die Rede vom Kasperl, der eine lange Nase hat.

Sie meinte aber etwas anderes, wie ich später erfuhr. Sie war von ihren älteren Schwestern  schon hinreichend aufgeklärt und wusste vom Unterschied zwischen ihr und mir.

Es war mir bei der praktizierten Vorsicht und Schamhaftigkeit nicht gelungen, die typischen weiblichen Merkmale  einmal in Natura zu begutachten. Und so sollte es lange Zeit dauern. Es gab noch kein Fernsehen oder einschlägige Literatur, oder gar Aufklärung in Familie und Schule. Darum blieb es der Phantasie überlassen, sich ein eigenes Bild  von der Anatomie einer Frau  zu entwerfen.

Wie ich sicher weiß, war nicht nur ich so unaufgeklärt, es war vielmehr die Regel.

Einmal war es Zeit, der Wahrheit auf den Grund zu gehen und den Realitäten in das Auge zu sehen. In  meinem Umkreis  lebten und bewegten sich  ein paar ältere Freunde und Mädchen. Die Buben führten aufgeklärte Reden  und interessierten sich für größere Mädchen, die sich ihrerseits noch mehr für die Buben interessierten. Eines Tages verabredeten sie sich  zu einer gegenseitigen Besichtigung. Sie sollte auf einem benachbarten Speicher vor sich gehen. Die Prozedur nahm unter großem Gekicher, Gewisper und Geflüster ihren Lauf.

Ich  stand mit dabei, war aber so mit meiner Schamhaftigkeit  beschäftigt, dass ich mich nicht hinschauen traute. Daher war ich hernach genau so dumm wie vorher. Eine Chance war vertan!

Natürlich wurde ich naturgemäß älter und die Straße verlangte ihren Tribut. Von einer begehrenswerten Frau   hatte ich jedoch eine übersteigerte Vorstellung. Ich hatte als Ministrant eine eigentümliche  theologische Prägung erhalten. Auf circa 100 Hochzeiten hatte ich sie mir angeeignet.

Heute weiß ich, dass dieses verbale Gemälde der idealen Frau aus dem Alten Testament stammt. Dort heißt es: „ Eine tüchtige Frau, wer findet sie wohl? Weit über Korallen hinaus  geht ihr Wert. Auf sie kann vertrauen das Herz ihres Mannes, und nicht wird es mangeln an reichem Gewinn. Sie erweist ihm nur Gutes und niemals ein Leid an allen Tagen, so lange sie lebt.“[vi]

Diese ideale Schau von einer Frau stand aber einer anderen diametral  entgegen, die mir von einer anderen Seite zugetragen wurde: „Eine Frau kann in ihrer Schürze  mehr Geld  aus dem Haus hinaustragen,  als ein Mann mit dem Schubkarren hineinfahren kann.“ Von meiner Mutter  war in diesem Punkte kein Beitrag  zu erwarten, weil sie mir in  ihrer Verlustangst  von vorne herein  jedes Frauenzimmer madig machte.

Ich aber hatte instinktiv das Gefühl, dass die „Schatzsuche“ ein kompliziertes Unterfangen ist. Man sollte es, wie gelehrt wurde, Gott anvertrauen. Darum machte ich mich eines Tages daran, entgegen alle Vorbehalte  Gott um ein hübsches, liebes, gescheites, gutes, reiches weibliches Wesen zu bitten, das alle Vollkommenheit in sich birgt, wie die heilige Maria, so wie sie in der Lauretanischen Litanei  in der Kirche am Ende des Rosenkranzes  gepriesen wurde.[vii]

Ich besaß einen blauen Glasperlenrosenkranz , den ich nun mehrere Male nachts durch die Finger gleiten ließ und mit den freudenreichen, schmerzhaften und glorreichen Geheimnissen abbetete, damit sich Gott beeilen wolle.

Aber wie hat er es anders gewendet! Ganz schön trickreich, wie die Götter im Hellenistischen Himmel, die die Menschen arglistig auflaufen ließen. Schickte er mir doch  statt  eines liebreizenden Mädchens die Ehrwürdige Schwester  Ludowika Bickleder, eine Klosterfrau, die mir einen falschen Willen  Gottes einredete. „Du bist doch zu schade zum Heiraten, du müsstest ein Pfarrer werden!“

O Eitelkeit der Eitelkeiten! Was hört der Mensch lieber, als dass er für etwas zu schade ist? Ich bildete mir ein, dass sie  Recht hat, und die Frau in meinem Fall ein wider den Willen Gottes nicht zu intendierendes Geschenk ist.

Aber ist es nicht wunderbar, dass Gott den Zeitpunkt voraus weiß, wann der Mensch abrückt von seiner Torheit und sich zur Wahrheit bekehrt. Bei diesem meinem Akt hat er bewiesen, dass er getreu ist. Leider beweist er es nicht immer und bei jedem!

Nur noch einige Lobpreisungen aus der Lauretanischen Litanei für solche Leser, die kein „Gottes Lob“ zu Hause besitzen und auch nicht in die Kirche kommen

„ (...)

Mutter ohne Makel, du Vielgeliebte, so wunderbar, Mutter des guten Rates, der schönen Liebe.  Du kluge  Jungfrau, von den Völkern gepriesen, mächtig zu helfen, voller Güte, ein Sitz der Weisheit, eine Ursache unserer Freude, ein Kelch des Geistes, der Hingabe, eine geheimnisvolle Rose etc.



[i] Liguori v., Alphons Maria. Homo Apostolocus. 3 Bände. Verlag Georg Josef Maunz. Regensburg, 1854.

 

[ii] A.a.O. SS. 431 – 444.

 

[iii] A.a.O. S. 431.

 

[iv] A.a.O. S.431.

 

[v] CIC 1919, Can. 1013.

 

[vi] 1 Sprüche, 31,10 – 31.

 

[vii] Gottes Lob 1975, S. 738.