Das Verhältnis der Generationen zu einander bis in die 1970er Jahre

Mir graut davor, wenn ich daran denke, was aus mir wird, wenn ich noch älter und vielleicht  allein und hilflos bin. Wollten sich meine Kinder auch  fürsorglich um mich kümmern, stehen Welten dagegen! Diese heißen räumliche Entfernung, Beruf, Finanzen  und Verbindlichkeiten verschiedener Art. Was bleibt mir zuletzt übrig? Ich wage nicht, es auszusprechen  Das Altersheim? Die Hospiz Einrichtung?

Seit meiner Kindheit und Jugendzeit  vollzog sich in der Soziologie der Familie, in den für sie geltenden ethischen Normen, in den gegenseitigen Beziehungen, Abhängigkeiten, Regeln und Rücksichten ein Wandel, der dem Wandel der Gesellschaft entspricht. Dieser wiederum ist verursacht und geprägt durch Industrialisierung, Automation, Emanzipation, Zivilisation, Liberalisierung und Desorientierung.

Meine Erziehung in einem sog. christlich geprägten Elterhaus war vor allem auch bestimmt durch die Norm des vierten Gebotes: „ Du sollst Vater und Mutter ehren, dass du lange lebest auf dem Boden, den Jahwe, dein Gott, dir geben wird!“ (2 Moses 20,12). Das vierte Gebot zeigte die Pietät als grundlegende Verpflichtung für alles Leben in der Gemeinschaft auf, vor allem in der Familie. Den Eltern gebührte  sogar Gehorsam, weil sie Stellvertreter Gottes waren. In der Familie musste Ordnung sein durch Gehorsam, Sich-Einordnen, Sich-Unterordnen. [i]

Wenn ich die ethischen Grundsätze meiner Kinder- und Jugendzeit mit dem Heute vergleiche, stelle ich  fest, dass ein Erdrutsch stattgefunden hat, eine tiefgreifende  Entideologisierung aller obigen Normen. Natürlich ist die Gewissensfrage berechtigt: Wie erfüll(t)e auch ich die Pflichten,  die ich als Vater oder Mutter habe (hatte)? Lasse (ließ) ich den Kindern genügend Raum zur Entfaltung ihres Lebens, oder setz(t)e ich ihnen unnötige Schranken? Versuch(t)e ich  meine Kinder so zu erziehen, dass sie zu menschlicher Reife kommen können (konnten)?

Aber heute? Der Wandel der Familienformen ist radikal durch die Lebensumstände bedingt.  Mehr als die Hälfte der in Liebe geschlossenen Ehen werden geschieden. Die notwendige Berufsarbeit beider Eltern fordert ihren Tribut. Die öffentlichen Einrichtungen, in denen die frustrierten Kinder geborgen werden sollen, sind durch Personal- und Finanzmangel  überfordert. Die medialen  und analogen Miterzieher  gewannen die Übermacht!

Ich will nicht bestreiten, dass es noch glückliche Ausnahmen von der heute geübten säkular-laizistischen Erziehungs- und Familienpraxis gibt. Auch  einige früher allgemein übliche, nun aber futuristische Projekte werden genannt, das „Generationenhaus“, die „Neue Dorfgemeinschaft“, in der man über  die eigene Schüssel hinweg Verantwortung für den oder die Nachbar/in organisiert.

Gewiss, früher gab es auch keine absolut heile Welt, aber die gegenseitige Fürsorge für die Angehörigen funktionierte nach meiner Überzeugung  besser.

Meine Mutter, um es an einem Beispiel zu  zeigen, war eine fürsorgliche Mutter. Wir Kinder haben es ihr auch nicht schwer gemacht, uns zu umsorgen. Spurten wir einmal nicht, oder  waren wir bockig, dann sagte sie, dass  sie uns noch einmal davonlaufe. Das verfehlte die Wirkung nie! Dann kehrten wir zum Wohlverhalten zurück.

Meine Mutter  hatte nicht nur eine fixe Vorstellung, wie Kinder zu sein und wie sie sich zu verhalten hätten. Zu ihrem Spektrum gehörte auch  die Auffassung,  wofür sie bestimmt sind.  Sie war noch geprägt von der patriarchalischen Praxis, in der die Versorgung der alten Eltern zu sichern sei. Diese Vorstellung setzte sie auch für ihren Fall in  die Tat um:

Als im Jahre 1945 ihre Mutter in Saalhaupt schwer an Krebs erkrankte, schien es keine Hilfe zu geben. Großmutter hätte operiert werden müssen, aber in dieser Nachkriegszeit  war kein Auto   zum Transport  in das Krankenhaus nach Regensburg aufzutreiben. – Da setzte Mama alle  Hebel in Bewegung, um die Überführung zu ermöglichen. Sie nahm Verbindung zur amerikanischen Militärregierung auf, erbat einen Militärkrankenwagen, begleitete die Mutter im Krankenwagen selbst  zu den Barmherzigen Brüdern, und blieb ihr bis nach der Operation nahe. Nach der Rückkehr aus dem Krankenhaus pflegte sie sie bis zum Tode hingebungsvoll.

Ebenso verhielt sie sich gegenüber ihrem alten und gebrechlichen Vater. In Saalhaupt waren zwar genügend Schwestern meiner Mutter, um den Vater zu pflegen. Aber sie alle verstanden es als Gemeinschaftsaufgabe, für den 85 jährigen Vater da zu sein und ihn zu umsorgen.

Als er schließlich einen Schlaganfall erlitten hatte, fuhr meine Mutter  Monate lang mit dem Fahrrad nach Saalhaupt, um Opa wie einen kranken Vogel zu füttern und ihm alle Aufmerksamkeit zu schenken.

Sie bleibt mir bis zu meinem Lebensende ein Vorbild für Kindesliebe und Dankbarkeit. Das Verhalten meiner  Mutter war sicher nur ein Beispiel unter vielen gleichen Beispielen anderer Leute. Ich bin froh darüber, dass auch ihr durch ihre Kinder die gleiche Liebe bis zum Tode zu Teil wurde.

Diese Haltung verstanden natürlich schon früher nicht alle Leute: Als ihr Mann, mein leiblicher Vater,  in seinen letzen Zeiten der Mutter bedurfte, versuchte sie ihn zu trösten: „Wenn du sterben müsstest, sterbe ich auch gleich und folge dir schnell nach.“ – Da entgegnete Papa in seinem Elend mit treuherzigem Blick und einem ehrlichen Seufzer: „  Tua mir dös bloß net o! Lass ma doch a paar Joar mei Ruah!“.



[i] Vgl. Kraus, Alfons. Für einen gefallenen Engel beten sie nicht. Verlag Publik-Forum, Oberursel 1989. S. 33f.