Das Bad Abbacher Intermezzo der kroatischen Botschaft

Weil Bad Abbach gegen  Ende des Krieges (1944/45) die  kroatische Botschaft beherbergte, könnte einer auf die Idee kommen, als habe der Ort im 3. Reich  diplomatischen Rang und überregionale politische Bedeutung gehabt. Eine solche Behauptung wäre reine Hochstapelei! 

    Bis etwa 1990 Hs. Nr. 10 ( jetzt Kochstraße 1)

Zustand am  22.02.2011   (nebenstehendes rotes Haus = Windl)

   

In Wirklichkeit war Bad Abbach nur Zufluchtsort der Botschaft, wahrscheinlich gerade deshalb, weil es so unbedeutend war, und die Reichsregierung  es vor Luftangriffen und vor der heranrückenden Ostfront für so sicher  hielt wie die Orte  der  Kinderlandverschickung. Das Nobelste jedoch, was der Ort damals aufzuweisen hatte, Haus Nr.10 des Bad Hotels und  das Hotel Waldfrieden, wurden Sitz der Botschaft.

In meiner frühen Jugend war ich als Nachbarsbub Zeuge, wie der Bad Abbacher Aufenthalt der kroatischen Botschaft Wohnwert mäßig vorbereitet wurde. Gewiss war man gegen Ende des Krieges allseits bescheiden geworden. Aber Hs. Nr.10 war eine alte Burg und für die Bediensteten der Botschaft unzumutbar. Hier mussten Heizungsinstallateure und Elektriker her und flugs tätig werden, weil die Zeit „ bis zum Endsieg“ drängte.

Die fremden Handwerker waren Kroaten. Sie schleppten lange Eisenrohre und andere Materialien herbei, die man zu dieser Zeit nur mehr mit Bezugschein oder auf dem Schwarzmarkt  kapern konnte.

Ein emsiges Treiben von Männern im Zwirn  und blauem Drill setzte ein. – Entwickelte sich Abbach gar zur Trutzburg für den Führer im Stadium des Endschlags? – Bürgermeister Georg Frank und Kreisleiter Albert Alzinger mischten sich in aufgeregte Gespräche auf der Straße. Der unwissende Beobachter konnte sich keinen Reim auf das Schauspiel  machen, bis endlich eines Tages Klarheit bestand: Die kroatische Botschaft kommt nach Bad Abbach!

Wer in Bad Abbach weiß heute noch Bescheid über dieses Ereignis an  einem  wichtigen Wendepunkt der deutschen Geschichte?
Als einer der wenigen letzten Zeugen rette ich die ehemalige  kroatische Botschaft in Bad Abbach  offenbar vor dem Vergessen.

Dr, Jozo Dzambo, Mitarbeiter des Adalbert Stifter Vereins in München, bot mir  authentische Hilfe für meine Arbeit an. Er begleitet  die Wege des bedeutenden kroatischen Dichters Ljubo Wiesner (* Zagreb 1888 - + Rom 1951)  literarisch und übersetzte dessen Manuskript „Zum ersten Mal nach Bad Abbach 14. III. 1945 – 9. V. 1945“ aus dem Kroatischen in die deutsche Sprache.

Er schrieb in einem Brief an Widmar Hader, den dieser an mich, einen möglichen Zeitzeugen, weitergab:
„Als im Frühjahr 1945 das Deutsche Auswärtige Amt (zumindest ein Teil des Amtes) nach Bad Gastein verlegt wurde, wurden auch Diplomaten anderer Staaten, die auf deutscher Seite kämpften, nach Bad Gastein „in Sicherheit“ gebracht. Ungarn, Japaner, Kroaten... versammelten  sich in diesem malerischen Badeort, der aber bald von den Amerikanern besetzt wurde. (...). Wie die kroatische Diplomatengruppe nach Bad Abbach kam und wer diese Entscheidung getroffen hat, ist mir nicht bekannt. Offenbar war sie dort nur auf „Durchreise“ (...) Vielleicht hat man, zumindest in einigen Kreisen, den Bad Abbacher Aufenthalt als vorläufig betrachtet.![1]

Ein paar Sätze zur Geschichte der hier zu Ort  eingerückten Kroaten seien mir zum besseren Verständnis noch erlaubt:
Während des 2. Weltkrieges proklamierten die in Jugoslawien  einmarschierten  Achsenmächte  einen selbständigen Staat Kroatien mit der Absicht, die gesamte politische Opposition, z.B. Serben und Juden zu eliminieren. Die Kroaten kämpften im Krieg auf der Seite der Deutschen.[2]

Die Botschaft der Kroaten wurde in Berlin errichtet und der oben erwähnte Ljubo Wiesner, aus dessen Tagebuch-Manuskript  ich  zitieren darf, war während des Krieges Mitarbeiter  dieser Botschaft. Offenbar fungierte er zeitweilig auch als Kurier zur Regierung in Zagreb.

Die Kroaten waren, wie es schien, in Abbach allgemein willkommen und als Freunde bei Jung und Alt geschätzt. Unter den Emissären der  faschistischen Regierung in Zagreb waren bestimmt auch einige, die mit der hiesigen nationalsozialistischen Clique seelenverwandt waren. Nicht aber Ljubo Wiesner, der Autor meiner Quelle. Dies entnehme ich seinem  Manuskript in der Übersetzung von Dr. Jozo Dzambo. Er war ein religiös eingestellter Mann, von traditioneller Frömmigkeit geprägt[3], mit einer gewissen Distanz zum Wahnsinn des „großdeutschen“ Nationalsozialismus..[4].

 

Hier sei ein Beispiel von der deutsch-kroatischen Freundschaft unter den jungen Leuten erwähnt:

Im Herbst 1944 fand auf dem damaligen „Turnplatz“ ( heute Rheumakrankenhaus am Kurparkbach)  ein Fußballspiel „zwischen Abbach und Kroatien“ statt, ein spannendes und hartes Spiel. Ich selbst war als Zuschauer dabei. Am Ende stand fest: Sieg für Abbach! Bei  aller Freundschaft kam es am Ende aber trotzdem zu einer Rauferei.

Auch Fritz Angrüner, den Abbachern als der Verfasser des Abbacher Heimatbuchs von 1973 bekannt, selbst Stütze der damaligen Abbacher Fußball-Mannschaft, kann sich noch an dieses Spiel erinnern.[5]

Wie das Spiel zu Stande kam, ist mir heute noch ein Rätsel. Fast alle jungen deutschen Männer über 16 waren ja in der Agonie des 3. Reiches zum  Militär eingezogen, und auch den Kroaten konnten nicht gut 11 junge Leute am Ort als Fußballer zur Verfügung gestanden sein. Es mussten auf beiden Seiten Legionäre mit von der Partie gewesen sein, was mir persönlich aber damals kein Problem bereitete.

Und hier ein Beispiel, wie die Freundschaft unter Erwachsenen allmählich tiefe Wurzeln schlug:

Einer der  kroatischen Installateure war Mirco Cvijic. Er und ein paar andere, z.B. ein gewisser Peter, dessen Nachname ich nie kannte, blieben nach dem Krieg in Abbach. Mirko heiratete die Kriegerwitwe Maria Ernst, geb. Ströbl.  Bis zu seinem Tod ( + 27.05.2001) war Mirco in Bad Abbach angesehener Mitbürger.

Auch einige andere Kroaten verließen Bad Abbach nach dem Krieg nicht sogleich. Von Pilek sagt Wiesner: „Er wird vorläufig in Bad Abbach bleiben, dann will er nach Berlin, wo seine Frau herstammt. Auch das Ehepaar Draganovic bewegt sich nicht fort aus Bad Abbach.“[6]

Wie es Kroaten  bekanntermaßen anstand, waren sie katholisch, und die Leute von der Botschaft praktizierten ihren Glauben auch öffentlich und sichtbar.

So lesen wir unter dem 15.IV. 1945, einem Sonntag, als der Kanonendonner  der Amerikaner aus der Ferne schon dumpf  über die Donau herüber zu hören war:

 „Um 11 Uhr hätte eine feierliche Messe (statt am 10. April)  in der Pfarrkirche neben dem Friedhof stattfinden sollen (wahrscheinlich  hat Kovacevic den Pfarrer nicht richtig verstanden: die Messe wurde unten im Ort, in der Kapelle, gefeiert). Das ganze Botschaftspersonal in Bad Abbach hat sich um 11 Uhr auf dem Friedhof eingefunden und dort vor der Kirche  vergeblich bis 12 Uhr gewartet. Ein schöner sonniger Dorffriedhof mit Ausblick auf die Donau und in die weite Umgebung.“[7]

Was sich in der so genannten „Sozialabteilung“ der Botschaft im Waldfrieden  abspielte, was sich vollzog und was sich dort entwickelte, war uns gewöhnlichen Einheimischen  unzugänglich und daher unbekannt  Der Großteil des Botschaftspersonals befand sich im Bad Hotel Der Hauptsitz der Botschaft war aber, wie ich glaube, der „Waldfrieden“. Das  Gebäude war mehr als heute in die malerische Umgebung versenkt und strahlte Ruhe und Frieden aus.

Vorher flickte man dort deutsche Lazarettinsassen für den weiteren Einsatz an der Front zusammen. Nur ab und zu schickte der Luftkrieg seine bedrohlichen Signale auch in diese Idylle.

Unter dem 16.IV. berichtet Wiesner: „Nachmittags haben wir vor dem Tunnel (Bunker) im Waldfrieden die Bombardierung von Regensburg beobachtet. Es war ein wunderschöner Tag. Um 3 Uhr nachmittags flogen über uns vielleicht zehn amerikanische Flugzeuggeschwader  hinweg, und jedes von ihnen  warf über Regensburg  eine Signalbombe ab, die eine  weiße, schaurige Spur hinter sich herzog. Kurz nach jeder dieser Bomben war von dort eine Serie  gewaltiger Explosionen zu hören, und über der Stadt schoss an einigen Stellen, über die Häuser von Bad Abbach hin, roter und schwarzer Rauch auf. Es könnte etwa eine halbe Stunde gedauert haben, dann trat tödliche Stille ein.“[8]

 

 

Das Haus ist heute ,den 22.Februar 2011, noch im Besitz des BRK und

befindet sich in erbärmlichen  Zustand. Es wird ein Investor gesucht,

der Leben in den idyllischen Winkel bringen soll.

 

 

 

 

Von Ljubo Wiesner erfahren wir noch mehr  Interessantes über unseren Heimatort als auch aus dem Waldfrieden der Zeit gegen Kriegsende.

Der Ort Bad Abbach an sich, sein Habitus, hinterließ bei ihm trotz aller sozialen Mängel einen akzeptablen Eindruck. Er notiert in seinem Tagebuch: „Wäre nicht Krieg, wäre Bad Abbach, was Ruhe und Einsamkeit betrifft, eine schöne, empfehlenswerte Sommerfrische oder ein Rückzugsort  für erfolgreiches Arbeiten.
In solch einer  Gesellschaft aber und ohne genügend eigene Mittel (ohne Zigaretten beispielweise konnte man im Dorf absolut nichts bekommen) war Bad Abbach zum Verzweifeln. Ich verstand Stefanas Weigerung (Stefana war Wiesners Tochter, A.d.V.) hier die Ankunft der Amerikaner nicht abzuwarten, verstand (..) ihren Wunsch, um jeden Pries nach Hause (nach Kroatien) zurückzukehren“[9]

Über seine eigene Gesellschaft unter dem Botschaftspersonal war Wiesner auch nicht sehr begeistert. So schrieb er: „Über diese Gesellschaft, abgesehen von sehr seltenen ehrenvollen Ausnahmen, wie überhaupt über die ganze Botschaft des N.D.H. (=(.) Unabhängiger Staat Kroatien) in Berlin,  müsste ein eigenes Kapitel geschrieben werden“[10].

Unter den neun Personen der „Sozialabteilung“ im Waldfrieden  und den 22 Personen im Bad Hotel, die er alle persönlich und namentlich aufführt[11], muss, wie es den Anschein hat, Ähnliches zugetroffen haben.

Nicht nur für die Einheimischen, sondern auch für das Botschaftspersonal war die Verpflegung katastrophal: „(...)wir haben nichts zu beißen (...).[12]Wegen unserer Verpflegung in Bad Abbach habe ich mit Pilek und Frau Lazlo gesprochen, so dass wir auf Kredit aßen (für den Monat April hatte ich von Ilse  immer noch keine Marken bekommen und was mir von  meinen  (...) Marken geblieben war, war nicht viel); das Essen war insgesamt dürftig, und wir waren meist hungrig; hätten uns Teja und Frau Draganovic nicht manchmal ein Gabelfrühstück und Kaffee angeboten, wäre es uns übel  ergangen. (...)“[13]

Im Bad Hotel, wie bestimmt auch im „Waldfrieden“ fehlte es an Heizmaterial und sicher an einer Zentralheizung.. Darum konnte man die vorhandnen Zimmer nicht problemlos warm halten. Es heißt in der Aufzeichnung Wiesners am 3.IV.1945: „Ich kann nicht mehr im „Waldfrieden“ schlafen (denn Vlado Zoricic ist eingetroffen und hat sein Bett in Besitz genommen), sondern  man gibt mir im Bad Hotel das unsaubere und kalte Zimmer von Ciliga.“[14]

Der ganzen Botschaft stand auch  nur ein einziges Auto zur Verfügung, das aber mangelhaft war. Wiesner berichtet an mehreren Stellen, dass er von Bad Abbach nach Regensburg  einige Male zu Fuß laufen musste. Für die Bewegung  im Ort konnte man natürlich erst recht kein Auto haben. Was war die Folge? – Er gestand: „(.) ich wurde von einer gewaltigen Müdigkeit erfasst, weil ich den ganzen Tag auf den Beinen  gewesen war ( dreimal vom Bad Hotel zum Waldfrieden  und zurück)“[15]

Es fehlte bei aller Niedergeschlagenheit aber auch nicht an kleinen  kindlich-frohen Abwechslungen:  Am 13.IV. 1945 erwähnt der Schreiber des Berichtes: „Nachmittags hat sich das Wetter gebessert. Pilek hat mir  seinen Kaninchenstall gezeigt.“[16]

Bei zwei Fußmärschen nach und von Regensburg orientierte sich Wiesener bei dem damaligen Straßenverhau jeweils  an einem Gasthaus bei Graßlfing, rechts an einer Böschung bei  der  Straße, wenn man in Richtung Regensburg unterwegs war. Dieses zeigte an, dass die Richtung von und nach Bad Abbach stimmte. Es gehörte, was damals unwichtig war, zur Brauerei Zirngibl[17] in Bad Abbach als Landgasthof. Dieser  war früher  den Einheimischen, besonders den Bauern, wenn sie ihre Waren nach Regensburg brachten, ein willkommener Zwischenstop. Nach dem Krieg wurde er beseitigt, weil er wegen Beschuss aus der Luft ruinös geworden war.

Ein heller Fleck in den Schilderungen des Aufenthalts Wiesners im Waldfrieden ist die Erwähnung des Bad-Miteigentümers Johannes Linxen, sen. Er war ihm dieser Art  in Erinnerung geblieben: „ Der Wirt vom Waldfrieden, ein würdevoller bayerischer Hotelier, Antinazi, Katholik, spielt bei den Sonntagsmessen in der Pfarrkirche ausgezeichnet Orgel.“

An dieser Stelle muss ich den Autor in einigen Punkte korrigieren: Johannes Linxen, sen. war Rheinländer,  insgesamt ein musischer Mensch, spielte nicht in der Pfarrkirche, sondern in der Marktkirche zum hl Christophorus  bei der 11 Uhr Messe das Harmonium, treu und ausgezeichnet.

Über ihn darf ich auch eine Anekdote noch hinzufügen, die mir Pfarrer Alois Lehner erzählte:

Abbacher Nazis sahen es nicht gerne, dass Linxen jeden Sonntag bei der 11 Uhr Messe beim Gottesdienst das Harmonium spielte. In dieser Zeit  fanden in der Regel die sonntäglichen  Apellaufmärsche zum „Ritter von Epp-Platz“ vor der Kirche statt. Linxen soll einmal gekontert haben: „ Wenn es einen Herrgott gibt, dann könnte es mir einmal nützen; wenn es keinen gibt, hat es mir auch nicht geschadet.“

Johannes Linxen, sen. war am 4.2.1884  in Wuppertal geboren und starb in Bad Abbach am 14.4.1955. Er ruht in einer Gruft auf dem Bergfriedhof.

 

Johannes Linxen, sen. (links im Bild) am 25.7.1954 beim 80 Wiegenfest der Liedertafel

Johannes Linxen, sen. (links im Bild) am 25.7.1954 beim 80 Wiegenfest der Liedertafel

 

 

1/2012 - MZ


[1] Dzambo, Jozo. Brief an Wimar Hader vom 20.05.2009. Archiv II.182.3.a.

 

[2] Vgl. Geographica, der Große Weltatlas mit Länderlexikon. .Könemann Verlagsgesellschaft, Köln,

    1999, Kroatien.

 

[3] Wiesner, Ljubo. Zum ersten Mal nach Bad Abbach. 14.III.1945 – 9.V.1945.  Manuskript 

   Übersetzung von Jozo Dzambo S. 11,13,18.

 

[4] Siehe Manuskript S.4, 21.

 

[5]  A. Kraus. Telephonat mit Fritz Angrüner, Abensberg, am 17.02.2011.

 

[6] Wiesner. S.26.

 

[7] Wiesner ,a.a.O. S. 27.

 

[8] Wiesner, a.a.O. S.27.

 

[9] A.a.O. S.26

 

[10] A.a.O. S.26.

 

[11] A.a.O, S. 25.

Gasthaus bei Graßlfing a.a.O.S.22. Das Gasthaus an der Straße gehörte der Brauerei Zirngibl von B.Abbach

 

[12] A.a.O. S. 23.

 

[13] A.a.O. S.24.

 

[14] A.a.O. S.6.

 

[15] A.a.O. S.29.

 

[16] A.a.O. S.26.

 

[17] A.a.O. S.22, 30.