Bomben statt Luftballons – Faschingsdienstag, 22 Februar 1944 – Bombenabwurf über Bad Abbach

Es blieb mir Lebens lang in Erinnerung, wie ich als 11- jähriger Bub diesen Tag erlebte:
Eigentlich war auch in dieser ernsten Kriegszeit für uns Kinder Frohsinn und Fröhlichkeit angesagt. Es war ja Faschingsdienstag, an dem selbst die Nazis den normalen Zeitenrhythmus nicht außer Kraft gesetzt hatten.

Meine Mutter war gerade auf dem Weg nach Saalhaupt. Bei Großvater wurde ein Schwein geschlachtet. Mama wollte das versprochene „Faschingsbratl“ abholen.

Sie war mit dem Fahrrad unterwegs. Meine Schwester Fanny besuchte auch schon die Schule. Sie war in der zweiten Klasse. An diesem Tage war für sie Nachmittagunterricht. So begleitete ich sie in die Schule und war in ihrem Klassenzimmer zugegen. Ich war jederzeit gerne gesehen, weil ich kleine Dienste verrichtete. So schürte ich den Kachelofen und holte Kohlen in die Klasse. Auf dem Schulspeicher ließ ich die schwachen Schüler lesen.

Aber jetzt saß ich gerade in der letzten Bank auf der Fensterreihe zum Markt hin. Ich schaute zur Donau in Richtung Oberndorf. Plötzlich hörte ich ein unbekanntes Dröhnen in der Luft und schon wackelte die Schule, die Erde zitterte, die Fenster klirrten.

Am Damm schlugen Bomben ein. Aus der Donau spritzten Wasserfontänen in die Höhe. Ich schrie: „Flieger!“ Aber es war zu spät. Einige der Schulkinder weinten, der Kachelofen barst entzwei, die Lampen fielen von der Decke. Nichts blieb an seinem alten Platz hängen oder liegen.
Wir Kinder krochen zur Türe, klagten, schrieen und wollten zur Treppe, weil wir uns wegen des raumbedingten Schichtunterrichts im Obergeschoss befanden.

Fräulein Schirmer, die Lehrerin, war völlig ratlos und in dieser Lage überfordert. Sie ließ alles gewähren. Aus den drei anderen Schulzimmern drängten Kinder nach. Ein ungeheuerer Tumult entstand. Alle wollten zum Ausgang. Aber als ein Lehrer die Türe zum Schulhof aufriss, schlug er sie schnell wieder zu. Denn vom Kirchberg floss Feuer herab. Es war brennender Phosphor. Wir glaubten, wir würden verbrennen. Das Feuer schwappte die Schulhauswände empor, als wollte es an den Fenstern in das Innere der Schule.

Doch plötzlich wurde es draußen ruhig. Das Feuergewitter hatte höchstens fünf Minuten gedauert. Aber uns schien es wie eine Ewigkeit.

Nun gab Hauptlehrer Heinrich das Kommando: „ Alle schnell in den Luftschutzkeller!“ Die Türe wurde aufgerissen. Welch ein Anblick! Ringsum brannte der Berg.

Der Helm des Kirchturms spreizte sich aufgerissen in den feurigen Himmel. Da Alarm öfter geübt worden war, strebten diese Klassen über den neu errichteten  Weg durch den Benefiziatengarten dem Luftschutzkeller zu, die anderen Klassen über die Schulbruck und das Apothekergassl.

Diese Richtung wählte auch ich. Ich führte meine Schwester Fanny an der Hand. Schnell riss ich sie vorwärts. Jedoch kamen wir nur bis zur Kötterl-Werkstatt. Dort wurden gewöhnlich Wehrmachtautos repariert. Da tat es einen Schlag, als ob eine mächtige Wassersäule bersten würde. Ein Windstoß warf  meine Schwester Fanny zu Boden. Ein Stück der Werkstattabdeckung  aus Drahtglas segelte durch die Luft. Irgend etwas schlug mir gegen den Fuß, was sehr schmerzte.

Ich riss meine Schwester vom Boden hoch. Was war passiert? Ein Blindgänger oder eine zweite Angriffswelle? Es war stockdunkel geworden. Von überall her qualmte es. Leute stöhnten und weinten. Es soll Tote gegeben haben.

Wir beide waren heilfroh, als wir den Luftschutzkeller beim Bad erreichten. In der Masse der Menschen tauchten wir unter. Immer dichter drängten sich die Leute, um Schutz zu suchen. Fanny und ich kauerten in einer Ecke. Die Leute befürchteten, der schreckliche Angriff könnte sich wiederholen. Das wäre der Weltuntergang.

Plötzlich rief eine Stimme: „Alfons, Fanny!“. Diese Stimme war uns vertraut. Es war Mama. Jetzt fühlten wir uns sicher. Mutter drückte uns Kinder an sich. Wir konnten nicht sprechen.

Später erzählte die Mutter, dass sie kurz vor Frauenbrünnl fuhr. Da schaute sie wegen des Lärms um. Sie sah, wie sich der Himmel über Bad Abbach verfinsterte. Sofort drehte sie um und führ während des gesamten Angriffs zurück, was ihre Kräfte zuließen. Sie wusste selbst nicht mehr, wie sie zu uns in den Luftschutzkeller gelangte. Sie war nur froh, dass sie uns lebend fand.

Dieses Erlebnis hatte meine physische  und psychische Belastbarkeit überschritten. Ich war ein ganzes Jahr ein Nervenbündel und zitterte an Händen und Füßen, sobald Geräusche zu hören waren, die einem Fliegerangriff ähnelten. Wenn für die Gastwirtschaft im benachbarten Bad Bierfässer abgeladen wurden, glaubte ich, die Geräusche kämen von einschlagenden Bomben. Wenn der Kanonenofen in der Küche  dröhnte und glühte, meinte ich, die Bomber seien wieder im Anflug und Fliegermotoren surrten.

Meine Mutter hatte mit mir eine schlimme Zeit.

Heute habe ich großes Mitleid mit den Kindern in Afghanistan und Lybien, oder sonst wo auf Erden, die in den Bombennächten mit ähnlichen Erlebnissen konfrontiert werden, obwohl sie gar nicht wissen, warum die Angreifer so brutal sind.

Bomben statt Luftballons – Faschingsdienstag, 22 Februar 1944 – Bombenabwurf über Bad Abbach