Kriegbedingte Prägung der heranwachsenden Generation

Preußische  Militaristen prägten den Spruch: „Der Krieg ist der Vater aller Dinge!“ Heute dämmert es leider immer  noch nicht jedem in Deutschland und sonst auf der Welt, dass der Krieg eher das Ende von allem ist.

Wir Älteren klagen oft über die Defizite der heutigen Jugend, betrachten sie als die Generation der letzten Tage,  doch auch wir Alten hingen an zweifelhaften Zielen  und verehrten dubiose Idole. Diese könnten vor unserem jetzigen kritischen Gewissen nicht mehr bestehen. Wir selbst waren damals sicher ganz anders, aber sicher noch mehr auf dem Holzweg als die Heutigen. Wir sangen in der Grundschule und bei den Zusammenkünften der Hitlerjugend:

„ Es zittern die morschen Knochen der Welt vor dem großen Krieg.

Wir haben den Schrecken gebrochen, für uns ist`s der große Sieg.

Wir werden weitermarschieren, wenn alles in Scherben fällt.

Denn heute gehört uns Deutschland und morgen  die ganze Welt!“

 

Und wie hat das alles geendet! Tragisch für unser Volk, tragisch für jeden Einzelnen, tragisch auch für mich. Das Tanzen lernte ich nicht, aber das Marschieren. Die heitere Seite des Lebens blieb mir verborgen, dafür prägte mich, wie viele, über Gebühr der Ernst des Lebens.

Gewiss ist das Leben ein Kampf. Früher oder später kommt fast jeder zu dieser Erkenntnis, auch jeder in dieser Fun-Gesellschaft. „Das Leben ist ein Spiel“, heißt es  in einem heutigen zum Nachdenken anregendem Abschiedslied, das einschränkend gleich hinzufügt: „und wer es recht zu spielen weiß, gelangt ans große Ziel.“

Was im „Großen vaterländischen Krieg“, den unser verblendetes Volk von 1939 bis 1945 führte, und die Erwachsenen, Männer und Frauen, verhängnisvoll inszenierten und  im Ernst betrieben, das spielten wir Kleinen als Nachwuchs- und Zwergsoldaten mit Begeisterung nach:

„Kriegerln“ hieß dieses Spiel. Bei ihm gab es Freunde und Feinde, Verwundete und Tote, Sieger und Besiegte. Da pflegten wir das Vokabular der Zwietracht, übten Hass und Feindschaft, verteilten Hiebe und schlugen Wunden. „Gelobt sei, was dich stark macht!“ war oberste Erziehungsmaxime. Die Buben von der Saugasse  und vom unteren Markt kämpften gegen die vom oberen Markt und vom Kochzipfel. Die vom Schlossberg waren eine ganz besondere Klasse. Gegen die bestand eine  komische, fast angeborene Fehde.

Wir bauten Bunker und Gänge, unterminierten die Erde an der Donau, in Gärten und auf der Blöße. Wir zerstörten sie uns gegenseitig und nach allen Regeln der Kriegslist. Wir verteilten „Eiserne Kreuze“ und führten Dienstgrade. Wir gehörten auch zu bestimmten Waffengattungen. Die Mädchen verbanden die Wunden, die wir Buben uns geschlagen hatten.

Nicht selten halten sich  heute noch unter uns die seltsamen Überbleibsel, nach denen  die  einen Wunden schlagen dürften, die die anderen heilen müssen. Auch als Kinder hielten wir oft lange Distanz nach solchen Schlachten. Oft riecht es nach Krieg gegen den Erbfeind.

Finden wir dennoch immer wieder zusammen? Manche Menschen lernen nichts dazu. Wer nichts dazulernt, ist tot!

Kommen wir noch einmal zu einem typischen Spiel meiner Kinderzeit zurück. Es handelt sich um die jährlich üblichen „Kastanienschlachten“. Früher gab es in Bad Abbach eine Riesenanzahl von Kastanienbäumen: Im Park, in der Allee, auf dem Schlossberg,  hinter der Vest, in allen Biergärten.  Heute sind  sie am Verschwinden, die guten, weitausladenden, kühlenden Laubdächer an den Straßen und Wegen, in den Gärten und Hinterhöfen. Ihre Früchte sind fast Mangelware geworden. Dafür wurden die Straßen erweitert, es wurden  Kongresshallen und Wandelgänge gebaut.

Immer, wenn es Herbst wurde,  reiften die stacheligen Dickhäuter  tonnenweise  heran. Sie prasselten mit den Schalen zu Boden, zerbarsten auf der Erde und gaben die braunweißen Kastanien frei. In verschiedenen Formen und Größen lagen sie da und luden uns Kinder zum Spielen ein.

Wenn der Oktober sich dem Ende zuneigte, oder wenn gar die Sonne  an den ersten Novembertagen Nachmittags noch einmal die Nebel aufriss, dann rechten wir Buben ganze Laubberge im Park oder hinter der Vest zusammen. Wir bauten damit  Burgen und Wälle und rüsteten uns mit „Munition“ aus für den Krieg  der Flachländer gegen die Gebirgler vom Schlossberg. Wenn dann die Kastanien, die eigentlich so freundlich zum Spielen einladen wollten, als Waffen und Wurfgeschosse missbraucht wurden, gab es „Veilchen“ an den Augen, blaue Flecken am Körper und an den Beinen.

Ob die Rauflust im vorigen Jahrhundert, in dem Abbach und Schlossberg zwei verschiedene Gemeinwesen waren, die voneinander  relativ unabhängig waren, auch in Kastanienschlachten  ihre Befriedigung fand, darf hier tunlich bezweifelt werden. Nach meinem  Studium der Ratsprotokolle waren nämlich die Kastanienbäume  um 1890 in einer großen, friedlichen und einträchtigen Gemeindeaktion  von der Bevölkerung von oben und unten angepflanzt worden. Darum schließe ich Böses aus. Von Anfang an wuchsen die Kastanienbäume  den kommenden gemeinsamen Generationen entgegen, sahen sie kommen und gehen, vereinigten sie diese in ihrem Schatten zu Geselligkeit, Feiern und Spiel. Nur in unserer verruchten Zeit lieferten sie den Buben die Idee zu Kampf und Krieg, musterten sie die Sieger und Besiegten aus, die Starken und die Schwächlinge, die „Herrenmenschen“ und die „Minderwertigen“.

Ein ähnliches Schlachtfeld boten die Altwasser an der Donau; der „Meier-Maxl-Bau“, der „Kötterl-Bau“, der  (vulgo) „Leck-mich-am Arsch-Bau“. Bei hohem Wasserstand waren diese Altwässer Fisch- und Anglergründe, in Trockenzeiten Dreck- und Schlammgruben, die uns Buben an den Nachmittagen zu Lettengefechten einluden. Die feindlichen Lager  formten und kneteten ganze Lehmknödelarsenale. Sie packten gelegentlich einen Kieselstein mit ein. Wenn die Zeit reif war, und wenn sich genügend Dampf angestaut hatte, ging es mit einem wahren Sperrfeuer aufeinander los. Nur gut, dass die Donau damals  noch unbelasteter war und jederzeit zum Bade einlud. Hier wurde man den Schlamm wieder los und das gemeinsame Baden, Springen und Tauchen vereinigte alle wieder in Eintracht.