Die Konsolidierung der Wittelsbachischen Hausmacht im Herzogtum Bayern nach 1180 - Weichs bei Abbach und sein Bezug zum Landgericht ( ab 1224 )

Mit Otto I. traten die Wittelsbacher die Herrschaft im Herzogtum Bayern an. Ihm folgte sein Sohn Ludwig I. Ein wesentlicher Faktor seiner  Politik war ein stark ausgeprägtes Rechtssystem. In diesem Zusammenhang spielte die Installierung eines Landgerichts zu Abbach eine herausragende Rolle. Unser Heimatort erlangte eine weitausladende, überdimensionale Bedeutung.

Eine Urkunde, die Ludwig I., Herzog von Bayern mit Sitz in Landshut, wegen seiner Geburt und Ermordung in Kelheim „der Kelheimer“ genannt, am 13. Januar 1224  mit dem Prüfeninger Abt wechselte, bringt auch die Einöde Weichs  zusammen mit der Burg in Abbach  erstmals in die damaligen  „Schlagzeilen“.

Der Text in gekürzter Form lautet:

Loudewicus, Palatinus Comes Rheni, et Dux Bawariae, pro castro Abbach, in fundo ecclesiae Pruvingensis extructo, et pro curte Wihse, monasterio confert praedium Chungeswisen et Mäting, juduicium  in Pruvening, curtem in Neuröting et summi Capellani  honorem[1]

(Zu deutsch: Ludwig, Pfalzgraf bei Rhein und Herzog in Bayern, bietet dem Kloster für die Burg Abbach, auf dem Boden  der Kirche von Prüfening gebaut, und für den Amtshof in Weichs, Güter in Königswiesen und Matting, die Gerichtsbarkeit zu  Prüfening, einen Amtshof  in Neurötting und den Titel eines ersten herzoglichen Kaplans.)

Es ist uns nicht überliefert, wie die Weichser Bauern das Leben unter der klösterlichen Grundherrschaft empfunden hatten. Es liegen uns über diese Zeit keine Aufzeichnungen vor. Ich konnte in den Traditionen fast nichts entdecken, was auf Weichs bei Abbach zutraf. Wir wissen auch nicht, ob sie sich auf den Wechsel ihrer Zugehörigkeit vom Kloster Prüfening  auf das Leben unter den Wittelsbachischen Herzögen langfristig einstellen konnten, oder ob sie von dieser Nachricht wie vom Blitz getroffen wurden. Es könnte ihnen auch egal gewesen sein.

Durch die Presse oder per Funk und Fernsehen waren sie sicher nicht – wie etwa heute - über die politischen Vorgänge vorinformiert, wenn sie sicher  auch durch ihre Vögte, oder andere Gewährsleute, etwas  von den Vorgängen, die sie betreffen könnten, läuten gehört hatten.

Wir dürfen den Rücktausch der Burg in Abbach zusammen mit der Curia in Weichs um Höfe in Matting und um Königswiesen auch nicht  als singuläres Ereignis verstehen. Dieser Akt steht im Zusammenhang  mit den politischen Intentionen  der Wittelsbacher, die Hoheit im Donauraum  und darüber hinaus in den Griff zu bekommen, das Land zur Einheit zusammenzuführen. Die politische Großwetterlage war von Unsicherheit geprägt. Den Wittelsbachern, mit denen man es, wie berichtet - ab 1180 zu tun hatte,  kam der Umstand zu Hilfe,  dass bis zum späten 13. Jahrhundert von den alten Grafengeschlechtern  eines um das andere erlosch, darunter auch die von Bogen.[2]

Vermutlich hatten die Bayerischen Herzöge Otto und Ludwig  schon vor 1224 Besitzungen in Abbach  unter ihre Kontrolle gebracht, nachdem die Burggrafen von Regensburg  zuvor die Zollrechte  auf der Donau  bei Abbach inne hatten, und die dortigen burggräflichen Befugnisse bereits 1205  an die Wittelsbacher übergegangen waren.[3]

Mit den Klöstern hatte Herzog Ludwig kein besonders schweres Spiel. Als Nachfolger der Grafengeschlechter, die er schon an sich gebracht hatte, kassierte er auch die Klostervogteien.[4]

Was jedoch  für beständige Unsicherheit sorgte, war das frühkindliche Alter Ludwigs von erst 10 Jahren, als sein Vater Otto  starb, und als seine Mutter Agnes, von Burg zu Burg reisend, erst um die Sympathien für ihren Sohn Ludwig werben musste.[5] Belastend war das unglückliche Verhältnis  zu dem  jungen König Heinrich, dem Sohn Kaiser Friedrichs II, verbunden mit endlosen Reibereien,   ein Kirchenstreit zwischen Kaiser und Papst, bei dem  der Herzog auf die päpstliche Seite neigte. Dieser ging  1230  zwar zu  Ende, aber dies verhinderte nicht, dass Ludwig 1231 in Kelheim ermordet wurde.

Die Grafenherrschaften  waren mit wenigen reichsunmittelbaren Ausnahmen zu Ende. „Der Fürstenstaat selber blieb die eigenste Schöpfung der Herzöge (selbstverständlich schon seit Otto von Wittelsbach, dessen einziger Sohn Ludwig I. war, A.d.V.); sie hatte das Land zur Einheit zusammengezwungen, hatten das Beamtentum  (...) geschaffen. Was  Wunder, wenn bei ihnen der Gedanke Wurzel schlug, dass diese ihre Schöpfung  nun auch ihr ganz persönliches Eigentum wäre, und sich eine  privatrechtliche Auffassung  des Staates durchzusetzen begann.“[6]

Nicht lange  nach dem bekannten Übergang von Weichs an die Wittelsbacher 1224 erscheinen die Weichser bereits im ersten (1229) und zweiten  (1280) Herzogsurbar.

 

1229/37

Wiese ain taverne (offenbar Weichs 1, A.d.V.) div giltet zwaelf mvtte waitzen, und ain swin oder sehzic pfennige.

Von der  vogetaie Wiese (offenbar Weichs 2, A.d.V.) git man  sehzig scheffine frischinge.

Wihse zwaeine  hove die  geltent zwaelf  mvtte waitzen, vier und fvnzig  mvtte  rocken, fvnf mvtte gersten, vierzig  mvtte habern und ain halpgilt[7]

1280

Aber Weihs ein  taver  XII mutt waitz, I swin fver LX.

Aber Weichs ein hof XII mutt waitz, LIIII mutt Rokk., V mutt gersten, XL  mutt habern, I halbgueltiges swein.

Aber ze Weichs von der chirchen ze  vogtreht LX schaeffein  frisching [8]

An anderer Stelle des 1.  Herzogsurbars:

Weihs

Item Weihs taberna .., sita  iuxta Haimelkhouen

Item Weihs curia

Item de aduocatia Weihs[9]

Die Begriffe Taverne und Kurie (Amtshof) sind geklärt wie der der Kirche.

Über den Begriff Aduocatia musste ich in das Lexikon des Mittelalters greifen. Dort heißt es unter dem Begriff „Vogtei“ allgemein: „ Den Begriffen „V“ und „Vogtei“ liegen lat. Advocatus, advocatia zugrunde. Sie bezeichnen eine breite Palette von Institutionen Gemeinsam ist den  unterschiedl. Begriffsinhalten die Tatsache, dass Personen im Auftrag – oder zumindest  formal beauftragt – Herrschaft ausübten, Verwaltung organisierten, Abgaben einzogen, Gericht hielten oder bei Prozessen die rechtliche Vertretung übernahmen. Die Beauftragung  zur Stellvertretung  war in ihrer Wirkung ambivalent. Sie konnte  sowohl Herrschaft als auch Unterordnung begründen. Die Polyvalenz der Begriffe und die vielfältige Anwendbarkeit der zugrundeliegenden  Tatbestände erschweren das Verständnis, verweisen aber zugleich auf Wesensmerkmale der mittelalterlichen Verfasssung, die Macht von Schutz ableitete und keine eindeutige Scheidung in „privat“ und „staatlich“ kannte. (...)“[10]

Auch das Lateinlexikon des Adam Friedrich Kirsch von 1774, das durch sein Alter dem "Sitz im Leben“ noch näher stand und besonders die Schutzfunktion zum Ausdruck bringt, könnten wir befragen:  „Aduocatio (.) 1.)Beystand, Fürsprache. 2)Versammlung etlicher Freunde, vor Gerichte Beystand zu leisten. 3.) Fürsprecheramt. 4.) Rathschlag 5.) die Frist, die man sich ausbittet, um sich bey seinen Freunden wegen seines Prozesses Raths  zu erholen.“ Ein Aduocator sei ein Armenbeschützer, ein Advocatus ein Freund, der uns bei unserem Prozesse  mit seinem Rathe  beysteht, und vor Gerichte durch seine Gegenwart  zu erkennen gibt, dass er sich  für uns  interessierte, ein Fürsprecher  der eines Wort redet, oder die Sache vor  Gerichte treibet.“[11]

Daraus sieht man, dass sich auf Weichs 2 bereits 1229 und 1280 eine Instanz befand, die mit einer echten Gerichtsfunktion ausgestattet war, eine Stelle der ordentlichen Rechtspflege.

So wird diese Aufgabe im Abbacher Freiheitslibell Ludwig des Bayern 1335 zu Recht als

 „ von altem Herkommen“ wieder aufgegriffen.

[12]




[1] Pölsterl, Günther. A.a.O. S. 76.

 

[2] Vgl. Hubensteiner, Benno. Bayerische Geschichte. Süddeutscher Verlag, München 1980,  S. 92.

 

[3] Vgl. Pölsterl, Günther. A.a.O.S.76.

 

[4] A.a.O. S. 93..

 

[5] Spindler, Max. A.a.O.Bd. I, .S.16 .

 

[6] A.a.O. S.95.

 

[7] MB 36,1, 102. In:  Pölsterl, Günther . A.a.O. S. 80.

 

[8] A.a.O.

 

[9] A.a.O.

 

[10] Schmidt, H. J.. In: Lexikon des Mittelalters 8, Sp.1811-1814

 

[11] Kirschius, Adamus Friedericus. Cornu Copiae Linquae Latinae, Leipzig 1774 , Sp. 74

 

[12] Freiheitlibell 1335